Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 450 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. nend, ich werde niemals zum Verräther werden-, wenn ich-auch in bübischer Weise misbraucht worden bin! Ich habe gethan, was jeder Mann, der Herz hat, thun soll, ich habe Mitwirken wollen zur Befreiung des Vaterlandes; ich habe gehofft, den Sieg zu theilen, wie ich die Gefahr theilte, und daß die Rechte die Pflichten lohnen werden — ich habe geliebt, weil man mir ein schönes Herz in einer schönen Schale entgegentrug und den Himmel auf Erden malte; nun bin ich nach allen Seiten hin betrogen; man hat mich um mein Vaterland und um mein Eden gebracht; man hat mich aus der Sonnenhöhe meines Glücks hinabgestoßen in die Nacht des Kerkers; wohlan, ich bleibe — aber verrathen werde ich nicht; mit diesem Makel will ich weder mich, noch mein Volk beschmutzen; ich will nicht, daß Graf Kronowski Recht behalte!" „Und du wirst, Gott weiß wie lange, hier bleiben! Bedenke, theuerer Bruder, daß du jetzt, wie die Sachen stehen, aller Verpflichtung ledig bist, und daß die Nächstenliebe bei sich selbst beginnt." „Mag sein. Was hat das arme polnische Volk verbrochen, wenn auch einige seiner Führer gegen Humanität und Civilisation sündigen? Wäre es gerecht, die Sache der Nation zu verrathen, weil Graf Kronowski und Consorten uns preisgeben? Würde nicht der Haß, den man uns Juden immer nachträgt, gerechtfertigt sein, würde nicht die ganze gebildete Welt einen Schrei des Abscheus ausstoßen, wenn man erführe, daß ein Jude die schwer und meisterhaft organisirte Verschwörung und ihre Leiter an Rußland ausgeliefert, um sich feigerweise die Freiheit zu erkaufen?" Hermine schweigt; sie sieht ein, daß sie im Begriff war, ihren Bruder zu einer schweren Unthat zu verleiten; aber wie ihm aus dem Kerker helfen? Sie geht heim. Das junge, blühende Mädchen mit sonst lachenden Augen und schwellenden Formen erscheint jetzt vor ihrem Vater blaß und schlotternd, mit rothgeweinten Augen und verstörten Zügen. „Was ist dir, mein Kind?" fragt der alte Mann erschrocken. i „Vater", platzt die Tochter los, während sich ihr Schmerz durch einen Strom von Thränen erleichtert, „Vater, es hat uns ein doppeltes Unglück getroffen, Karl ist arretirt und jene, für die er büßt, haben sich von ihm gewendet!" „Beruhige dich, geliebtes Kind, und mache dich verständlich. Wer hätte sich von ihm in der Stunde der Noth gewendet?" „Jene, denen er sein Leben geweiht. Karl war ein thätiges, ein mit Hingebung und Aufopferung thätiges Mitglied der Nationalregierung gewesen; was er leistete, das leisten nicht drei mit vereinten Kräften. IM einem ruhelosen Eifer, mit einer unermüdlichen Thatkraft, mit einer bis zur Selbstvergessenheit gesteigerten Opferwilligkeit hat er der Sache gedient, der er sich, freiwillig gestellt, und die ihn nun ins Verderben führte. Die Nationalregierung, das weiß ich, vermag viel; ihr Einfluß reicht weit, bis in die obersten Schichten unserer Behörden, und da pochte ich an, für Karl Hülfe suchend!" „Und?" „Keine! In Karl wird der Jude preisgegeben!" „Dachte ich es! Sagte ich es! Weiß es Karl?" „Ich war in seinem Gefängniß, ich habe ihm worttreu berichtet. Er brach zusammen unter der Wucht der Wahrheit, er nahm meine Erzählung wie ein Todesurtheil; er bereuete seine Betheiligung und bedauerte das polnische Volk seiner Führer willen, doch zum Verrätst ließ er sich nicht bewegen, um damit seine Freiheit zu erkaufen." „Da hat Karl recht; das ehrt ihn. Er will die Sache nicht der Personen wegen verrathen; aber eine heilkräftige Wirkung muß dieses Ereigniß auf ihn hervorgerufen und ihn belehrt haben, was die Vorspiegelungen gelten, wenn man Zusagen eintreiben will. Ich habe ihn gewarnt, ich habe .ihm gesagt, daß man unsere Leistungsfähigkeit braucht, daß man unfern Patriotismus anruft, unsere Hoffnungen und unfern Ehrgeiz weckt, daß man uns Wechsel auf oie Zukunft ausstellt; ist aber der Ver-