Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 449 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Warschau zur Zeit der letzten Bewegung. 449 aufnehmen, nachdem wir ihrer auf eine fo anständige Weise losgeworden sind? Wozu die Juden in ihrer schlimmsten Art, die sich brüstenden, sogenannt gebildeten Juden zu Mitarbeitern an dem großen Befreiungswerk aufnehmen? Hieße es nicht der polnischen Nation ein Armuthszeugniß ausstellen, wenn man solche Auxiliartruppen heranzieht, und übernimmt man nicht Verpflichtungen für angebliche Dienste, denen wir später nicht Nachkommen würden? Wer von uns wird alsdann, wo wir Herren dieses Reichs geworden, zugeben, daß die Juden mit uns an derselben Tafel sitzen, aus derselben Quelle trinken, dieselben Rechte genießen und sich auf dieselbe gesellschaftliche Sprosse stellen?" „Niemand!" ruft'S von allen Seiten. „ Der Jude ist zum Gehorchen", fährt der Graf fort, „niemals aber zum Herrschen! Er soll handeln und schachern und Schabbes machen, soviel er will, er soll in seinem Laden feilschen, soviel ihm beliebt; aber man darf nicht zugeben, daß er im Kreise jener einen Platz einnehme, die Weltgeschichte machen! Also es bleibt dabei, meine Herren: Goldheim bleibe wo er ist, — keine Lippe öffne sich zu seinen Gunsten, keine Hand strecke sich für seine Befreiung aus!" Hinter der Thüre lauschte Hermine dieser Verhandlung. Als sie den Saal verlassen, brach sie unter den erlittenen Aufregungen schier zusammen, und da setzte sie sich auf einen Stuhl um Aurelia zu erwarten und ihr nochmals das Schicksal ihres Bruders ans Herz zu legen, den sie verloren glaubte. Kronowski's starke Stimme drang in ihr Ohr, gierig sog es alle Lallte ein, als sie hörte, daß Karl's Los geworfen wird, lind wie die letzten Worte verklungen, erhebt sich das Mädchen init einem halb unterdrückten Schrei und stürzt zum Hause hinaus. Unwille, Wuth lind Verzweiflung haben sich, ihrer bemächtigt, und in einer Aufregung, die den Bruder erschreckte, erscheint sie bei ihm iin Gefängniß. Mit zitternden Lippen und flammenden Augen erzählt sie ihm, was sie erlebt und erlitten, von der Undankbarkeit und der Verachtung jener, denen er mit Gefahr seines Lebens diente, und der .Perfidie des Weibes, dem er sein zeitliches und ewiges Wohl weihen wollte; von der Verlassenheit, in die sie ihn stürzten, und der grausamen Enttäuschung all ihrer Hoffnung, und mit allem Ungestüm eines cholerischen Charakters fordert ihn die Schwester auf, sich und sein Volk zu rächen und eine Sache preiszugeben, die nicht mehr die seine ist. Als ob der Blitz zu seinen Füßen niederschlüge, steht Kart vernichtet da; das Auge stier, die Wangen blaß, die Arme schlaff herniederhüngend, zum Bild der Gebrochenheit entgeistert. All seine Hoffnungen, all sein Fühlen und Denken, die Plane, die er sich im Kopfe gesponnen, die Schlösser, die er sich im Herzen erbauet, der Tempel, den er seiner Gottheit errichtet, die Träume, die er sich von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewoben — alles, alles liegt auf einmal da zur Fratze entstellt, lind er selbst steht da wie ein Trunkener, den man im Rausch zur Thür hinausgeworfen und der sich nun, ernüchtert, der begangenen Thorheiten und der erlittenen Schmach schämt! Und im Kerker! Für alles, was er that, für alles, was man jetzt ihm gethan — noch der Kerker! Hermine hält erschrocken inne, als sie die Verwüstung gewahr wird, die sie in ihrem Bruder angerichtet. Sie umschlingt ihn, sie drängt ihn auf die Bank seiner Kasematte, sie erwärmt das erstarrte Leben mit ihren Küssen, sie feuchtet sein trockenes Auge mit ihren Thränen an. „Gott wird uns helfen, Karl! Vertrauen wir auf Gott, nachdem Menschen uns so bitter getäuscht haben!" sagte sie, sein eiskaltes Gesicht an ihrer Brust erwärmend. „Bezahle deine Freiheit mit dem Geheimnis", führt sie fort, „vergelte Gleiches mit Gleichem und steige gerächt aus diesen Mauern, die dich als Opfer deiner Vaterlandsliebe umschließen. " „Nein, nein", sagt Karl, sich erman-