Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 447 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Die Juden in Warschau zur Zeit der letzten Bewegung. „Das Fräulein ist nicht zu Hause", sagt er. Hermine erkennt an dem Gesicht des Mannes, daß er gelogen. „Das Fräulein ist zu Hause", versetzt sie mit vieler Entschiedenheit; „sie muß wol zu Hause sein, da sie mich herbestellte. Uebergeben Sie ihr diese Karte, ich werde hier warten." Und derselben die Worte: «trös-prsssant» beifügend, überreicht sie die Karte dem verlegenen Bedienten, der sich damit zögernd entfernt, wie jemand, der noch immer nicht weiß, was er thun soll. Noch ist der vom Grafen Kronowski versammelte Rath beisammen, welcher über Karl Goldheim das Todesurtheil ausgesprochen hat, als Aurelia Herminens Besuch angekündigt wird. „Seine Schwester hier!" ruft sie, während sie die Karte von Hand zu Hand kreisen läßt. «1r68-i)r688g.iit» — „was kann das bedeuten?" „Sollte die Schwester ehrlicher sein als der Bruder und käme sie her, vor ihm zu warnen?" „Sie müssen sie hören." Selbst Graf Kronowski ist dafür und Aurelia entfernt sich, um Hermine zu empfangen. Es vergehen einige Minuten; die Gesellschaft ergeht sich in Muthmaßungen, was wol die Schwester des Verräthers in dies Haus, das sie nie besucht, geführt und welche Bedeutung das trö8-i)r688ant haben mag, das sie auf ihre Karte mit zitternder Hand gekritzelt; da stürzt Aurelia, von ihrem Besuch gefolgt, in den Salon, und die Männer drin sehen mit nicht geringer Ueberraschung, wie diese der jungen Dame den Eintritt in diese Räume gestattet, wo soeben die ersten Beamten der polnischen Revolution, an der ihr Bruder ein todeswürdiges Verbrechen beging, ihre Versammlung hielten. „Karl Goldheim ist verhaftet worden", ruft Aurelia, „nachdem er die Presse vernichtete, ehe sie der Polizei in die Hand fallen konnte, und Graf Koronowski's Agenten sind keinen Groschen Werth!"! Aller Blicke wenden sich auf den Grafen. „Meine Agenten", sagt dieser, „haben Goldheim im Schloß und ebendaselbst im vertraulichen Gespräch mit einem Polizeibeamten gesehen. Ich stehe für die Richtigkeit; mehr, glaub' ich, bedarf es nicht. Jede Widerrede ist Lüge." „War der Bruder im Schloß?" fragt nun Baron Marinski das Mädchen, wie etwa der Vertheidiger den Jnquisiten in Gegenwart des Gerichtshofes, um ein seinem Clienten günstiges Moment herorz^heben. „Nein, mein Herr", antwortet dieses, ohne eine Ahnung zu haben von dem, was hier vorging. „Im Schloß war mein Vater; der Fürst hat ihn holen lassen." Die Anwesenden blicken einander an. Verwunderung und Unglauben malt sich in ihren Gesichtern. „Der Bruder war also nicht im Schloß?" fragt Marinski abermals. „Der Bruder war nicht dort", wiederholte Hermine mit Nachdruck. „Der Vater fuhr hin und Karl eilte mit dieser Nachricht hierher. Er war zweimal da, fand aber die Thür verschlossen. Mittlerweile war der'Vater heimgekehrt, er schien aufgeregt und verstört zu sein; fast gleichzeitig brach im Hause Feuer aus. Kaum war dies bewältigt, so erschien bei uns die Polizei, suchte in Kisten und Kästen, vom Keller bis zum Dachfirst und nahm alsdann den Bruder rnit. Ich fand somit gar keine Zeit, den Vater zu sprechen, er hatte keine, uns zu erzählen." „Justizmord!" ruft jetzt der Baron mit einem Blick des Hasses aus seinen politischen Antipoden, den Grafen. „Wir hätten einen Justizmord begangen!" Und Justizmorde sind zu jener Zeit der revolutionären Eruption oft begangen worden! Wie zur Zeit der französischen Schreckensherrschaft sind Leute auf eine bloße Denunciation hin, auf Grund einer gehässigen, von irgendeinem persönlichen Rachegefühl dietirten Anschwärzerei ohne Verhör und Verteidigung gemordet worden. Auf alles stand die Todesstrafe, auf Steuer-