Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 446 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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446 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Goldheim, beide Hände ergreifend und sie mit innigster Dankbarkeit in den seinen drückend, an. „Sie haben mir heute eine Wohlthat erzeigt, die man nie vergessen und nie belohnen kann; wir standen am äußersten Rand eines Abgrunds, Sie eilten als Retter herbei, uns denselben zu zeigen; die Gefahr ist, dank Ihnen, beseitigt, doch nicht die Angst vor ihrer Wiederholung. Gegenwärtig, wo alle Köpfe in Polen schäumen, wird mein Sohn, der sich der polnischen Sache gewidmet zu haben scheint, sich nicht freiwillig derselben entschlagen. Leute seines Alters und Temperaments spannen sich eher vor, als daß sie blos nachstoßen. Ich werde nur ruhig sein, wenn ich Karl in Sicherheit hinter Schloß und Gitter weiß. Wollen Sie einem alten, am Rand des Grabes stehenden Manne eine schwere Sorge von: Herzen nehmen, so — verhaften Sie 'meinen Sohn." Kuriloff macht einen. Schritt rückwärts und blickt erstaunt den Vater an, der von ihm die Verhaftung des Sohns begehrt. „Es geschieht aus innigster Liebe zu meinem Kinde, aus Besorgniß fürs Wohl meines einzigen Sohns"; fährt jener fort. Wenn ich ihm freie Hand lasse, so wird er die schiefe Bahn forteilen, die er betreten und die in das Verderben führt. Unterliegt er nicht im Kampfe, so büßt er sein Wagniß im Kerker, in Kamtschatka, vielleicht auf dem Blutgerüst; entgeht er diesen Gefahren, so irrt er als Geächteter in der Fremde, fern von der Heimat und den Seinen! Will ich ihm dies traurige Los ersparen, so muß ich gewaltsam in die Speichen fallen, um das Fortrollen zu verhindern. Karl ist nur im Gefängniß sicher und mit einer kurzen herben Gegenwart ist eine lange bittere Zukunft verhütet." „Sie haben am Ende recht", versetzt der Polizeibeamte nach einem kurzen Nachdenken; „Sie verhüten durch diese Repressivmaßregel viel Unheil. Wohl, Ihren Sohn bringe ich auf Grund der bei ihm gefundenen Bücher und Photographien polnischer Insurgenten u. s. w. in die Citadelle, wo er so lange aufbewahrt bleibt, als es Ihnen nothwendig scheint." „Sie machen mich zu.Ihrem Sklaven!" „Wohlan, Adieu!" Und damit verläßt Kuriloff den alten Goldheim, seinen Sohn aufzusuchen. Dieser steht blaß und schweigend neben seiner Schwester. „Sie werden die Güte haben, mir zu folgen", redet ihn der Beamte an. Hermine stößt einen Angstruf aus. Karl preßt die Lippen übereinander und blickt finster den Mann in der Uniform an, der ihn zu einem wenig erfreulichen Aufenthalt entführen will. „Wohin, wenn ich bitten darf?" „Vorerst in das Polizeibureau." „Darf ich um die Ursache meiner Verhaftung fragen, Herr?" Der Beamte streckt den Arm durchs Fenster nach dem glimmenden Haufen im Hofe unten. „Ich weiß, was er vergrub", sagt er, „fragen Sie nicht, grübeln Sie nicht; folgen Sie mir." Krampfhaft umschließt Hermine mit ihren beiden Armen den Hals ihres geliebten Bruders, und mit allem Aufwand ihrer Kraft schreit sie um den Vater, als ob ein Räuber sich ihres theuersten Gutes bemächtigen wollte. „Zu Hülfe, Vater, zu Hülfe!" Der Alte erscheint, von mehreren Leuten gefolgt. „Man will Karl verhaften", ruft ihm Hermine entgegen, in einen Strom von Thränen ausbrechend, „man will ihn abführen!" „Mein Kind," sagt er, „beruhige dich; Karl's Unschuld wird bald zu Tage treten und ihm seine Freiheit wiedergegeben werden. Widersetzen dürfen wir uns nicht gegenüber einem Abgeordneten der Regierung." Bald nach Karl's Entfernung eilt Hermine, ihren Schmerz und ihre Thränen besiegend, zu Aurelia. Sie kennen einander; Aurelia weiß, welchen thätigen Antheil das Mädchen an den Arbeiten ihres Bruders und welches Interesse es an den Fortschritten der Revolution nahm. Von Aurelia hofft die! Schwester Hülfe für ihren Bruder. , Ein Bedienter versperrt ihr den Weg.