Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 439 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417812--453-2418294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leopold Kompert. 439 nommen. Kompert hat dies im „Ghetto" gethan. In der „Gasse" hat er seine Jugendjahre verlebt, in der Schlafstätte hat er den Schnorrern gelauscht, mit seinem Großvater hat er die Randars besucht u. s. w.; wer könnte alle die Einzelheiten aufzählen! davon hat er sich genährt und in seinem Gemüth, denn er war ja ein Kind, mit dem man ganz besonders reden mußte, wie seine Mutter frühzeitig sehr wohl erkannt hat, in seinem Gemüth hat sich das Leben im Ghetto geläutert und dieses geläuterte Bild, welches sich in ihm gespiegelt, dies hat er uns in verschiedenen Formen wiedergegeben, und wir erkennen's und sagen: ja, so ist es, ganz so habe ich in meiner Jugend empfunden, wie z. B. Moschele in den „Kindern des Randars", oder wir zeigen auf einen Burschen, der eben vorübergeht, und sagen: Da hast du: der Min, ganz wie Kompert ihn beschrieben hat, und doch ist es wieder nicht ganz so, denn — wie schon gesagt — es ist bei Kompert alles geläutert an der Flamme der echten Poesie. Ich fühle mich veranlaßt, denn es scheint mir hier der richtige Ort dazu, ein Urtheil Hebbel's über Kompert zu berichtigen, und zwar soll dies sowohl im Interesse Hebbel's als im Jntereffe Kompert's geschehen. Man kennt das Epigramm von den „Butterblumen" in Hebbel's Gedichten, welches sich auf Kompert bezieht. Ich sprach mit Hebbel zu wiederholten malen über Kompert, und er hat von diesem immer mit der größten Achtung gesprochen. „Seine Probleme haben für mich nicht immer Interesse", sagte Hebbel, „aber sie sind vortrefflich behandelt und voll Poesie." Ein anderes mal theilte ich ihm wieder mit, daß von Kompert etwas Neues im Jahrbuch erwartet wird, es war nämlich „Christian und Lea", und er sagte: „Es wird gewiß recht hübsch sein; denn Kompert versteht die Kunst gar nicht, etwas Unpoetisches zu produciren." Er war in sehr guter Laune, wie er es immer war, wenn er Thiere gesehen, und wir fuhren eben von Schönbrunn zurück; ich benutzte diese Stimmung zu der Frage, woher es komme, daß er einen Schriftsteller, den er so hoch schätze, in einem Epigramm so hart behandeln konnte? „Glauben Sie mir", antwortete Hebbel, „es war nichts als ein Misverständniß!" Er klärte mir das Misverständiß auch auf. Ich finde keine Veranlassung, diese Aufklärung, wodurch mancher compromittirt werden könnte, hierher zu setzen, sondern begnüge mich mit der Bekanntmachung des Factums. Es war mir dies sehr lieb, und ich freue mich, eine irrige Meinung hiermit im Interesse beider Dichter, sowol des Angegriffenen als auch des Angreifenden, zu berichtigen. (Angedeutet habe ich dies bereits in einem Aufsatze am „Todestage Hebbel's." Neue freie Presse, Abendblatt. 13. Decbr. 1864). Wenn wir Kompert's Bedeutung ins Auge fassen, so müssen wir auf zweierlei "Rücksicht nehmen: seine Bedeutung für das Judenthum und seine Stellring zur Literatur im allgemeinen. Was den ersten Punkt betrifft, so könnte nach meiner Ansicht ein Urtheil von Goethe über den „standhaften Prinzen" des Calderon gar wol auf Koinpert angewendet werden. Wenn die ganze jüdische Welt unterginge, man würde sie aus Kompert's Werken wieder Herstellen können. Das scheint uns ganz so richtig als die Möglichkeit der Herstellung der christlichen Welt aus dem „standhaften Prinzen." Was aber den zweiten Punkt betrifft, so steht uns leider kein so prücises Urtheil eines Goethe zur Verfügung, daß wir die Sache damit erschöpfend erledigen könnten. In dem obenerwähnten Aussatz über die „Geschichten einer Gasse" haben wir diesen Punkt berührt, und wenn es nicht unerlaubt ist, uns selbst zu citicen, so mag die dort gemachte Bemerkung hier ihren Platz finden: „Darum setzen aber auch seine Novellen, trotz ihrer einfachen, wahrhaft populären Darstellungsweise, zu ihrem wirklichen vollen Verständniß, auch eine, wahre Bildung voraus, eine Bildung, welche die Fähigkeit verleiht, sich in fremde, ungewohnte Anschauungskreise hineinzuleben und von dem Zauber einer Gemüthswelt, die der oberflächlichen Betrachtungsweise verschlossen