Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 440 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. bleibt, magisch berührt zu werdeu. Kompert ist populär wie selten ein zweiter, und der Gefahr des Misverständnisses ausgesetzt wie selten ein anderer. Er ist populär in jenem Sinne, in welchem alle wirklich begabten Dichter populär sind; er zieht keinen Apparat von Gelehrsamkeit, von Archäologie und dergl. herbei, durch welchen man sich erst durchzuwinden hätte, um dann mit verdorbenem Magen endlich an die wohlbestellte Tafel zu gelangen; er erzählt «schlecht und recht» — einfach, natürlich, wie es vom Herzen kommt; aber er erzählt uns Dinge aus einer den meisten Lesern fremden Welt, und darin liegt eine Aufforderung, das Buch mit jener Freiheit des Geistes in die Hand zu nehmen, welche wir heute auch von den Lesern der Antike verlangen, deren Geist sie ebenfalls mit der Muttermilch nicht eingesogen haben." — Wir haben fast nichts hinzuzufügen. Nur weniges: Gewiß ist so viel, daß Kompert's Erzählungen am besten da verstanden werden, wo man eben seine Gebilde aus eigener Anschauung kennt. Ich kenne einen sehr nüchternen Mathematiker, der seit vielen Jahren außer dem Judenthum steht; er schämte sich nicht, mir zu gestehen, daß er bei der Lektüre von Kompert häufig Thränen vergossen habe; so mächtig wirkte auf ihn die ihm entschwundene und durch das Wort des Dichters wieder hervorgezauberte Welt, in der er seine Kindheit verlebte. Aber, wenn auch nicht so fein, so innig, so in allen Nuancen, können diese Erzählungen doch sehr wohl vom gesammten deutschen Publikum verstanden werden, nur müssen, wie wir oben gesagt, jene Bedingungen erfüllt sein, die z. B. bei der Lektüre der Griechen erfüllt werden müssen. Denn jede fremde Welt, in der wir nicht geboren und erzogen sind, und in die wir plötzlich versetzt werden, hat gewisse Voraussetzungen. Die Hauptbedingung ist nun hier die Freiheit des Geistes, die Fähigkeit nämlich, nicht an seinen Gewohnheiten kleinlich zu kleben, sondern das Andersgeartete als solches, ja als ein Berechtigtes gelten zu lassen. Daß hierzu Bildung gehört, versteht sich von selbst. Einen Tadel können wir Kompert nicht ersparen. Es ist dies die Aengstlichkeit, mit der er jüdische Wörter und Redensarten ins Deutsche übersetzt, anstatt sie stehen zu lassen, wie sie sind. Wenn er z. B. das gebräuchliche „Schekoach" (Jejascher Kochach) übersetzt mit: „Zur Kraft" — so hat der jüdische Leser dabei verloren, und der germanische (christliche) absolut nichts gewonnen. Denn was soll sich dieser unter „Zur Kraft" vorstellen? es muß ihm's also eine Note erst erklären; die Note würde ihn über das ursprüngliche „Schekoach" ebenso belehren können. Es ist das Ein Beispiel; es sind mir bei der Lektüre aber mehrere derartige wenig fruchtende Uebersetzungen ausgefallen. Anders freilich steht es mit solchen Uebersetzungen, wie z. B. „red' mit ihm Weisheit aus" — anstatt: — „Chochmes"—, wo der christlicheLeser die Uebersetzung sofort versteht, ohne daß eine Anmerkung nöthig ist, während diese bei Beibehaltung des jüdischen Wortes nothwendig wäre. Aber wir wissen uns diesen Fehler sehr gut zu erklären. Diese Aengstlichkeit hat ihren Grund in dem Bestreben, dem christlichen Publikum möglichst wenig zuzumuthen, was schon in der sinnlichen Klangwirkung abschreckend wirken könnte. Wir machen auch die Wahrnehmung, daß dies Bestreben desto mehr hervortritt, je weiter wir die literarische Laufbahn des Dichters verfolgen. Was die einzelnen Erzählungen in ihrem Verhältniß zueinander betrifft, so stehen wir nicht an zu wiederholen, was wir einmal bereits gesagt haben: „Von diesen Erzählungen ist in Wahrheit jede die schönste, und zwar diejejenige ist es, die man gerade liest." Doch ist dies nur die Exclamation des kunstgenießenden Menschen — und solcher bin ich in erster Linie — die Kritik kommt bei mir immer erst hinterdrein, und sollen wir vom kritischen Standpunkte abwägen, welche seiner Erzählungen die bedeutendsten sind, so würden wir in der ernsten Gattung: „Die Kinder des Randars", die „Verlorene", „die Jahrzeit", „Gottes Annehmerin" und „Karfunkel", in der heitern Gattung: „Ohne Bewilligung",