Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 438 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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438 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. des Lesers nichts anderes äls Gemüth dazu, um diesen Unterschied zu finden, um es zu spüren, was wirkliche Production, und was blos gemacht sei. Nun kann aber niemand die ganze Welt aus eigener Anschauung kennen lernen. Ein großer Theil unserer Bildung wird uns aus Büchern durch die Anschauung anderer vermittelt. Es kommt also hier beim Künstler auf das mehr oder weniger an. Der eine beschränkt sich auf den Kreis der eigenen Anschauung, der andere geht über diesen hinaus, ohne mit ihm recht fertig geworden zu fein, und nimmt als Ersatz die ihm durch Bücher vermittelte Anschauung. Der erstere schöpft nur aus der wirklichen Welt, der zweite auch aus dem Abbild dieser Welt und manchmal aus einem sehr schlechten. Ein Mensch weiß z. B. sehr gut, wie ein Bauer sich in einer bestimmten Lage nehmen würde, er hätte die Fähigkeit, uns diese Gestalt lebendig vorzuführen, er ist mit ihm auf dem Dorfe ausgewachsen und hat die lebendigsten Eindrücke in sich ausgenommen. Dagegen weiß er vom Leben an einem Hofe, wo er niemals gewesen ist, gar nichts aus eigener Anschauung, sondern er hat einige Beschreibungen davon gelesen und damit Punktum. Nun erkläre jemand einem Menschen, der meinetwegen grün, blau und gelb wohl kennt, das roth aus bloßen Begriffen, wenn dieser die Empfindung — roth — niemals gehabt, d. h. niemals die rothe Farbe gesehen hat. Was nützt es ihm, mit Änalogien zu kommen? Er wird nur immer fragen: Ist es wie gelb? — Nein. Wie blau? — Nein. — Wie grün? — Abermals Nein. Nun, so laßt mich in Ruhe, ich Hab' davon keine Vorstellung, ich weiß nur, wie es nicht ist, nicht aber, wie es ist. Das von der Farbe ist allerdings die Sache bis ins Extrem geführt; aber es paßt doch. Jener Mann, von dem wir oben sprachen, erfährt aus seinen Büchern auch nur, daß das Leben am Hofe nicht so ist wie das auf dem Dorfe, das er kennt; nicht viel "mehr; wie es ist, weiß er doch nicht. Nun kommt es auf das Genre an, das er. — falls er selber Künstler ist — wühlt. Tritt er aus dem Kreise seiner Anschauungen nicht heraus, so wird er auf uns mit der Kraft der.Unmittelbarkeit wirken; thut er das andere, so liefert er uns das Bild eines Bildes, aber nicht das Bild des Gegenstandes. Wir werden davon nicht gepackt. Es gehört hierzu gar kein ästhetisches Kriterium. Jeder Mensch von gesundem Gefühl hat es im Augenblick weg, wie man zu sagen pflegt — ob das Ding heilig ist oder profan—-d. h. ob die lebendige Anschauung des Künstlers oder eine künstlich vermittelte Anschauung desselben zu uns spricht. Also: Jeder echte Dichter schöpft aus dem wirklichen Leben und zeichnet nach dem Leben. Er zeichnet aber nicht geradezu nach; denn sonst wäre er Photograph und nicht Maler, sondern das Leben —die Außenwelt — muß in seinem Gemüth erst einen Läuterungsproceß durchmachen, muß wie junger Most in ihm ausgären, und dieses in ihm geläuterte und verklärte Leben, diese geläuterte, und verklärte Außenwelt stellt er dar. Darin liegt zugleich Wahrheit und Poesie, das ist realistisch und idealistisch zugleich. Die Außenwelt, die eigene Anschauung bewahrt ihn vor Unwahrheit und Unnatur, und sein Gemüth ist es, wo das Leben der Alltäglichkeit poetisch umgestaltet wird. Ohne das letztere bliebe die gemeine Nacktheit, an der künstlerisch nichts zu halten ist; ohne die eigene Anschauung aber, ohne Kenntniß des Lebens versteigt sich selbst der begabte Dichter in seinem Schwung in jene nebulösen Regionen der von keinem Verstände gezügelten Phantasie, und seine Gestalten können jpoetisch sein, wahr sind sie nicht, sie haben kein Fleisch und Blut, nichts Plastisches, nichts Greifbares, kein Leben, wir verstehen sie nicht, wir erkennen sie nicht. Ein echter Dichter ist kein hohler Idealist und kein gemeiner Realist. Alles, was er schafft, ist wahr und poetisch in Einem. Nun versteht es sich von selbst, daß jeder Dichter da am wahrsten sein wird, wo er die tiefsten Eindrücke und nachhaltigsten Anschauungen in sich aufge-