Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 435 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Leopold Kornpert. 435 derjenige, welcher unten bedächtig durch die Gassen wandert und das Naheliegende aus nächster Nähe beobachtet. Wer das letztere bereits gethan hat, wer sich zuerst unten überall gut umgesehen und sich's angemerkt, wie alle diese Dinge in der Nähe beschaffen sind, der wird dann mit großem Nutzen den Thurm besteigen, denn zu der deutlichen Einsicht, die er mit hinaufbringt, gesellt sich ihm oben erst die umfassende Uebersicht, und er kann vergleichen; er kann wahrnehmen, wie die Sachen, die ihm jetzt in ganz anderm Licht erscheinen, als er sie zu sehen gewohnt war, sich nach dem Standpunkt des Beobachters ändern. Mancher aber meint, wenn er nur da hinaufsteigt, ist's schon gut. Ja, er sieht wol, aber versteht nicht, was er sieht, denn er hat es nie anders gesehen; es fehlt ihm der Maßstab zur Vergleichung, also das Urtheil. Mit diesem Bild soll vorerst Wester gar nichts gesagt sein, als daß sich zwei verschiedene Richtungen ergeben, wenn wir dies auf das Gebiet der Kunst übertragen. Der eine macht sich sogleich daran, das ganze Universum zu malen, der andere zeichnet meinetwegen eine Lichtschere. In aller Kunst aber ist das Detail die Hauptsache. Nicht, daß wir die Idee, welche einein Kunstwerk zu Grunde liegt, unterschätzen, sondern so: Die größte Idee kann ich in einen kurzen Satz zusammenfassen. Sage mir jemand z. B., was ist die Idee der Ilias? was die der Odyssee? was ist die Idee des Don Quixote, oder um ein beliebtes Thema anzuführen, was ist die Idee des Faust? Kein Mensch wird eine solche Idee wegdisputiren. Sei es nun die Verherrlichung des Achilles, sei es die Treue der Penelope, oder sei es der ausharrende Muth des Dulders Odysseus, sei es die Thorheit des Menschen im allgemeinen, oder eine Satire aus die irrende Ritterschaft insbesondere, sei es endlich beim Faust der nie befriedigte Wissensdrang und die Unmöglichkeit für den menschlichen Geist, in das Innere der Natur, in die eigentlich metaphysischen Wahrheiten einzudringen, oder was man immer will, so viel muß man immer zugeben, daß. wenn der Künstler gar keine andere Absicht hätte, als diese Idee darzustellen, er lieber ruhig sich auf die faule Bärenhaut legen könnte, denn diese Idee wird durch einen kurzen Satz, oder auch durch einen längern Satz, meinetwegen gar durch eine Abhandlung so vollkommen dargestellt, daß dem Künstler daran gar nichts mehr übrig bleibt. Wenn dieser trotzdem daran geht, solch eine Idee darzustellen, so muß er sich dessen bewußt sein, sie in einer Art darzustellen, wie dies der Wissenschaft nicht möglich ist, d. h. durch eine lebendige Form. Nicht also die Idee ist das Lebendige und die Form das Todte, wie viele glauben, weil das so plausibel klingt, sondern justament umgekehrt: die Idee ist für die Kunst das Todte, etwas ganz Unbrauchbares, wenn es nicht durch die lebendige Form erst in Fluß gebracht und dadurch erst lebendig gemacht wird. Ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausgedrückt und zu keinem Misverständniß Veranlassung gegeben habe, worüber so mancher ehrsame Kathederheld in die allerfrömmste Entrüstung gerathen könnte. Doch das soll uns nicht abhalten, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Ein Farbenspiel, welches blos das Auge ergötzt, ohne daß sich eine Idee darin ausdrückt, ist freilich ein bloßer Formalismus, und diesen mag man immer todt nennen, denn ein solches Farbenspiel ist ein bloßer Sinnenreiz und keine Kunst. Die Kunst aber ist nicht ein bloßer Sinnenreiz, sondern sie wirkt auf die Sinne und durch diese auf das Gemüth, die Phantasie, auf den Geist. Die Kunst kann also der Idee nicht entbehren, aber sie muß sich dieselbe erst lebendig machen, und wenn dies, wie wir gesagt haben, nur durch die Form, d. h. durch die Art geschieht, wie die Idee auf mich wirkend vorgestellt wird, so heißt das nichts anderes als: in aller Kunst ist das Detail die Hauptsache und auf dies allein kommt es an. Wer dieser Entwickelung gefolgt ist und ihr beistimmt, wird sogleich als eine logische Folge die Behauptung hinnehmen, daß ganz gewiß eine und