Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 434 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Kopfstücks zu würdigen wissen; nicht etwa eines Kopfstücks, das vor den Schranken des Gerichts als eine Abart der Ohrfeige behandelt und etwa mit fünf Gulden gebüßt wird, sondern eines Kopfstücks, welches feinen echten Werth erst durch die „Tunke" erhält, in der es schwimmt. Ja schwimmt, das ist auch das rechte Wort dafür; denn solange sich dieses Kopfstück nicht als besondere Individualität, sondern als Capo eines Ganzen, eines Fisches nämlich fühlte, war doch sicher das Schwimmen sein eigentliches Element. Um ein solches Kopfstück nun handelt es sich, um dieses Ehrenzeichen auf dem Teller der vornehmsten Person bei einer duftenden Freitagabendtafel. Durch ein solches Kopfstück hat sich ein Mädchen einen Mann erworben; und was für einen Mann! Als Schnorrer gekleidet kam er mit der „Plett" in der Hand, und als seliglächelnder Bräutigam führte er die Braut nach Hause. Warum er aber als Schnorrer kam, da er doch als Rabbiner sich ganz anders hätte präsentiren können, das lag an seinem „romantischen Tic". Das Jncognito des jungen Rabbiners erinnert in etwas an unfern längst bekannten Iw. Prager, der, als er noch Student war und schlechtweg Emanuel hieß, ebenfalls dies Bettlergewand nahm, um im Hause seiner Aeltern am Tische zu sitzen, wie wir dies im „Dorfgeher" gelesen haben. Was wir an dieser Geschichte: „Wie man heirathete" auszusetzen haben, ist zweierlei. Erstens ist das sogenannte „Mörtel", womit der Gast bei Tisch so große Sensation macht, zu schwach; hier lag der Schwerpunkt, und hier hätte müssen etwas sehr Geistreiches, Blendendes geboten werden. Zweitens ist der Titel der Novelle schleppend. Wir hätten lieber gelesen: Meines Großvaters Brautwerbung — oder — Meines Großvaters Brautfahrt — oder: Ein Kopfstück als Ehestifter — oder sonst etwas dergleichen. Zudem ist der Titel ja auch zu allgemein; denn nicht jedermann heirathete auf diese hier erzählte Weise, .sondern eben der Großvater, von dem die Rede ist. Im übrigen aber athmet diese sehr kurze Darstellung ganz den gewohnten liebenswürdigen Geist, wie er uns in allen bisher betrachteten und genossenen Werken Kompert's so wohlthuend anmuthet. III. Bei Gelegenheit des Erscheinens der „Geschichten einer Gasse" haben wir in der „Neuzeit" (Nr. 6 vom 10. Febr. 1865) eine kleine Anzeige dieser Novellen gebracht. Wenn wir hier auf dieselbe zurückkommen, so geschieht es deshalb, weil wir hier einige Bemerkungen, die dort nur flüchtig angedeutet werden konnten, etwas näher auszuführen beabsichtigen. Wir haben nämlich nicht selten die Frage vernommen, warum Kompert, dessen Darstellungstalent kein Mensch bezweifelt, sich auf ein Kunstgenre beschränkt, wodurch er strenggenommen doch nur einem kleinern Leserkreise zugänglich ist; ferner wollte man in den „Geschichten einer Gasse" das Stehenbleiben bei diesem Thema monoton, wo nicht gar für eine Caprice des Dichters halten; in seinem ersten Auftreten mit den „Geschichten aus dem Ghetto" habe er das Publikum durch den neuen Ton, den er zum ersten mal angeschlagen, überrascht, nun aber sei man an die Ueberraschung bereits gewöhnt und, sie gehe wirkungslos vorüber. Kompert selbst hat zwar in den „Vorreden", mit denen er seine unterschiedlichen Werke hinausgesendet, auf solche Fragen, die er zu erwarten schien, im vorhinein geantwortet; doch konnten solche Antworten selbstverständlich nur kurz, in hingeworfenen Bemerkungen, gegeben werden, da sonst die Vorreden sich zu ästhetischen Abhandlungen hätten erweitern müssen; auch ist man selten ein wirkungsvoller Vertheidiger seiner eigenen Sache, und dies bewog uns, jene Bemerkungen, deren wir oben erwähnten, niederzuschreiben. Aber was auch wir dort nur skizzirt haben, soll hier etwas ausführlicher behandelt werden. Wer von einer hohen Thurmspitze eine Stadt überschaut, gelangt zu einer umfassenden Uebersicht über dieselbe; doch gelangt er dadurch nicht zu einer deutlichen Einsicht in die Einzelheiten. Zu einer solchen gelangt im Gegentheil