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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-09-01 · Heft 6 (September 1865) · p. Seite 430

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 6 (September 1865)
Date
1865-09-01
Page
Seite 430 (sequence 6)
Language
German
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430 Jllustr. Monatsh. für die-ges. stille pietätsvolle Erinnerung an die Dahingeschiedenen, wie sie in der „Jahrzeit" und in dem „Kadisch" zum Ausdruck gelangt, und so haben ein Paar Kindeslippen durch dieses Gebet und Maier „mit den vier Händen" mit seiner Liebe den Sieg davon getragen über den Gewaltnik Jakob Löb. Noch düsterer ist das Gemälde, welches uns der Dichter in der „Seelenfängerin" entrollt. Rüben Schönmann's Frau, Rosalie, die vornehme Dame, am Kranken- und Sterbebett von Bettlern, und nicht durch Zwang äußerer Verhältnisse, sondern durch innere Willenskraft, es ist ein schauerlich-ergreifend Bild. Das Grundmotiv dieser Novelle ist eigentlich die Kindererziehung, und an diesem wird die grundentgegengesetzte Gefühlswelt der beiden Ehegatten dargcstellt. Anfänglich tritt der Conflict nur leise, kaum merkbar aus, so unbedeutend, daß der über den „beschränkten Verstand" seines Weibes so hoch erhaben sich dünkende Rüben dem thörichten Wunsch seiner Frau nicht einmal ernstlichen Widerstand entgegensetzt, aber mit dem Tode Philipp's wird der Riß größer, und endlich wird die Kluft unausfüllbar. Auf der einen Seite das fromme Weib mit keiner andern Stütze als mit dem instinktiven „Man darf nicht", —- auf der andern Seite der von der modernen Aufklärung beleckte Mann, der sein Kind auf dem „guten Ort" aus Rosen betten und sich dies von den Leuten der Gasse nicht wehren lassen will. Dazwischen die Kinder, ein todtes und ein lebendes. Philipp in der kühlen Erde, das Vermächtniß seines fromm-kindlichen Gemüths der Mutter hinterlassend, Clara mit aller Leidenschaft des Kindes nach dem Vater verlangend, — es gibt keine Brücke mehr, die die beiden Ufer miteinander verbindet, wo das ganze innere Leben zweier Menschen fo himmelweit auseinanderklafft. Aus dem ehemaligen Rüben wird ein Richard und aus Rosalien—nun wirwissen es bereits — eine Seelenfängerin. Auf drei Dingen steht die Welt: auf Lehre, Gottesdienst und Mildthätigkeit. Dieser altrabbinische Spruch ist bekannt. Aber die dunkle Ahnung und das un- Interessen des Judenthums. bestimmte Gefühl erkennt oft mehr als die Gelehrsamkeit der Weisen, und so wird es uns nicht wundern, wenn wir — zwar nicht in ausdrücklichen Worten, aber sonst in allen Anzeichen und Aeußerungen eines rechtsbewußten Gemüths — die Behauptung lesen: Die Ordnung der Welt steht auf einer Thür. Die Energie, mit welcher diese Meinung zum Ausdruck gelangt, und die seltene Zähigkeit, mit der sie festgehalten wird, das hat uns Kompert dargestellt in der merkwürdigen Novelle: „Gottes Annehmerin". An der Thür, von welcher ein Bruder seine Schuld gegen den Bruder weggelöscht, hängt die Weltordnung; solange diese Schuld nicht gesühnt ist, so lange ist auch die Welt aus den Fugen. Und wenn man sie auch für blöde und für wahnsinnig hält, nichtsdestoweniger lebt in ihr, in dieser alten Chase „mit der Thür" die unumstößliche Gewißheit, daß sie den Schuldigen, der die Schrift von der Thür gelöscht und eine Waise um ihr väterliches Erbe betrogen, sehr genau kennt. Und wenn sie trotz dieser unerschütterlichen Gewißheit dennoch so lange harrt, wenn sie nicht hinausgeht auf den Markt, um den Namen des Schuldigen öffentlich auszurufen, so geschieht dies nur, weil sie kein „Chillul haschem" verursachen, weil sie den Namen Gottes nicht entheiligen will; aber aufgegeben hat sie ihr Rächeramt nicht; sie ist das „Gewissen" der Gemeinde und sie weiß den Zeitpunkt abzuwarten, der der Wahrheit und dem Recht die gebührende Ehre verschafft. Ein merkwürdigerer Charakter als diese Chase ist uns in Kompert's sämmtlichen Geschichten nicht vorgekommen; diese Herbigkeit und Schroffheit nach außen, verbunden mit der Güte und Zärtlichkeit, wie sie sich in ihrem Verhalten gegen Perlchen und in dem Andenken an ihren Mann, den verstorbenen „Sarwer", den nur sie allein verstanden hat, ausdrücken; alles dies macht diesen Charakter nach unserer Ansicht zu dem außerordentlichsten, den Kompert jemals gezeichnet hat. Wenigstens ist in keiner seiner sonst auch kräftigen und kernigen Gestaltungen eine so entschiedene Kraft wie in dieser An-

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