Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 405 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Monats-Revue. 405 Documente im k. k. Staatsministerium und der k. k. niederösterreichischen Statthalterei, eine Gelegenheitsschrist herausgegeben hat. Durch gründliche Quellenforschungen hat der fleißige Verfasser die Geschichte der Judengemeinde Wiens, und im weitern Sinne auch die der Gemeinden Oesterreichs, so durchsichtig und klar zur Anschauung gebracht, daß die österreichischen Judengemeinden, namentlich die Wiens, ihm sehr zu Dank verpflichtet sind. Ohne es zu beabsichtigen, haben die Studien den fleißigen Forscher zum Historiographen der Israeliten Oesterreichs, gemacht, und wenn nicht der Materialismus und die Unwissenheit das Gemeindeleben angefressen hätte, wenn auch nur der matte Schein eines geschichtlichen Bewußtseins in den Gemeinden leben möchte, so würden sie sich dieser Forschungen freuen, da andere Gemeinden Deutschlands noch solcher Forschungen entbehren. Schon früher hat Herr Wolf in Monographien speciell die Geschichte der Juden in Oesterreich zu bearbeiten versucht, während das vor mehr als zwei Jahrzehnten erschienene zweibändige Werk von Joseph Wertheimer: „Die Juden in Oesterreich. Vom Standpunkt der Geschichte, des Rechts und des Staatsvortheils" (2 Vde., Leipzig 1842< 8.), weniger das historische als das apologetische Element hervorkehrt. Ludwig August Frankl hat in dem Heftchen: „Zur Geschichte der Juden Wiens. I. Der alte Juden-Friedhof" (Wien 1847, 8.), nur einen kleinen Punkt der wiener Gemeindegeschichte berührt. Bei Errichtung eines zweiten Tempels in Wien schrieb Wolf seine Gelegenheitsschrist: „Vom ersten bis zum zweiten Tempel. Geschichte der israelitischen Eultusgemeinde in Wien von 1820—1860" (Wien 1860, 8.). Zur Feier des siebzigsten Geburtstags des Herrn vr. L. Zunz am 10. August 1864 gab er die Monographie heraus: „Die Juden in der Leopoldstadt (unterer Werd) in Wien, nach Archivalien der Staats- und Finanzministerien, der niederösterreichischen Statthalterei und des wiener Magistrats" (Wien 1864,8.). Durch die das civilisirte Europa aufregende Mortarageschichte veranlaßt, schrieb er die ausgezeichnete und umfängliche Gelegenheitsschrist: „Judentaufen in Oesterreich" (Wien 1863, 8.). Schon in den fünfziger Jahren schrieb er auf diesem speciellen Gebiet: „Ueber die Volksschulen in Oesterreich" (Wien 1851, 8.) und sein „Ferdinand II. und die Juden. Nach Actenstücken in den Archiven der k. k. Ministerien des Innern und des Aeußern" (Wien 1859, 8.; 2. Ausg., Leipzig 1860, 8.). Ich komme nach dieser Abschweifung auf das hundertjährige Jubiläum der israelitischen Cultusgemeinde in Wien zurück, die uns Wolf's Gelegenheitsschrist vorführt, und wir können uns dabei kaum einer wehmüthigen Betrachtung entziehen. Die israelitische Gemeinde in Wien hat in dem nun verflossenen Jahrhundert muthig und besonnen die mittelalterliche Roheit der Gesetze und die eigene Verkümmerung besiegt; die Enkel der Heimgegangenen dürfen selbstbewußt auf ihre Ahnen zurückblicken, welche als Gemeindevertreter und Fürsprecher, als geachtete Spitzen in der industriellen und handelsthätigen Welt ehrenvoll dastehen. Wenn aus der Geschichte eines Volks die Epigonen ihr Selbstbewußtsein, ihren Muth und ihre Thätigkeit schöpfen, so muß auch die Gemeindegeschichte für gegenwärtige und zukünftige Gemeindeglieder der Born sein, aus welchem Kraft und Ausdauer, Liebe zur Genossenschaft geschöpft wird. Die Namen, welche in der Geschichte glänzen, sind die zum Gedächtniß bleibenden, während der Zeitenstrom alles übrige wegschwemmt, sodaß der Wanderer fragt, wo ist es? Die jüdischen Patricier des Geldes, die sich so oft als die Aristokratie der Gemeinde angesehen wissen wollten, haben den Nachgeborenen oft weder das Geld noch den Aristokratismus, sondern den rühmlichen Namen in der Gemeindegeschichte als Erbe hinterlassen. Die Weikersheim, Biedermann, Oppenheim, Herz, Esteles, Leidersdorf, Wertheim, Arnstein werden noch lange ihre Namen in der Geschichte der Gemeinde glänzen lassen, wenn von Geld und Glanz, von erkauftem Adel und conventionellem Flitter nichts mehrübrig sein wird. Aber nicht blos die vielfachen Jubelfeiern gewisser verdienstlicher und mehr oder weniger würdiger Persönlichkeiten oder Cultusgemeinden, sondern auch ganz fremde, mit Juden und Judenthum in gar keiner Berührung stehende Jubelfeierlichkeiten haben zu Gelegenheitsschriften oder Aufsätzen Anlaß gegeben. Die Juden haben den achtzehnhundertjährigen Gang des Elends inmitten der wechselnden Bevölkerungen und Stämme der Erde nie so isolirt und theilnahmlos zurückgelegt, als man nach dem Haß, den man ihnen zeigte, nach dem Hohn und der Verachtung, die sie allezeit getroffen, vermuthen könnte. Trotz aller Zu rückstoßung und bei aller aufgedrungenen Abgeschlossenheit nahmen sie lebhaften Antheil an der allgemeinen Cultur, und daher kommt es, daß die Dichter und Heroen der Völker, die großartigen Eulturstätten, auch eine Beziehung zum speciell jüdischen Culturleben haben können. Die erste uns in diesem Jahre entgegengetretene Feier dieser Art war die sechshundertjährige Dantefeier zu Florenz, bei der das junge Italien durch Erweckung der großen nationalen Erinnerungen sich zu Thaten der Zukunft begeisterte. In den Herzen so mancher Juden, welche einen offenen Sinn für die auf- und niedergehende Cultursonne der Völker hah.en und Mitgefühl und Mitempfindung für ihre Freuden und Leiden hegen, entstand bei der sechsten Säcularfeier des ernsten Sängers der Divina Commedia die Frage: wie hat es bei den Juden vor sechshundert Jahren ausgesehen? Haben die Juden irr Italien keine große Erinnerung aus jener Zeit, und haben sie keinen Dichter, der neben dem Bilde des Florentiners, neben seinem Leidensgenossen Bosone austaucht? Sollte unter den Juden keiner den großen Dichter-