Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 400 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. zügelter, wilder Wuth ging die ganze Procedur vor sich, in nicht zu verzeihender Eile wurde die Hinrichtung beschlossen und vollzogen, was den Synedrialgesetzen schnurstracks zuwiderläuft; kein ordentliches Beweisverfahren wurde gepflogen, das jüdische Recht, das keine Kreuzigung kennt, war erloschen, der ganze Act war nichts weiter als eine Lynchjustiz, ein Privatmord. So hat denn der Verfasser auf seiner langen und bedächtigen Wanderung, welche er auf dein Gebiet der neutestamentlichen Schriften machte, den Beweis geliefert, daß die historische Kunde von Jesus mangelhaft und unsicher ist, oder wie der Verfasser sich in seiner farbenreichen Bildersprache ausdrückt: „Nachdem wir die Masse von mythischen Schlinggewächsen verschiedener Art, die sich an dem Baume hinaufgerankt, entfernt haben, sehen wir, daß, was wir bisher für Neste, Belaubung, Farbe und Gestalt des Baumes selber hielten, großentheils vielmehr jenen Schlinggewächsen angehörte; und statt daß uns nun nach Wegräumung derselben der Baum in seinem wahren Bestand und Aussehen wiedergegeben wäre, finden wir vielmehr, wie die Schmarotzer ihm die eigenen Blätter abgetrieben, den Saft ausgesogen, Zweige lind Neste verkümmert haben, seine urspüngliche Figur mithin gar nicht inehr vorhanden ist. Jeder mythische Zug, der zu dem Bilde Jesu hinzukam, hat nicht nur einen geschichtlichen verdeckt, sodaß mit der Wegräumung des erstem der letztere wieder zum Vorschein käme, sondern gar viele sind auch von den darübergelagerten mythischen Gebilden gänzlich aufgezehrt worden und verloren gegangen." Siegreich hat der Verfasser nachgewiesen, daß all die Wunderthaten und Wundergeschichtcn, die Jesu zugcschrieben, und all die Weissagungen, die ihm in den Mund gelegt wurden, Nachbildungen der besteheirden Messiasideen waren. Mit Befriedigung können wir in dieser Beziehung sagen, wie ohne allen Vergleich deutlicher uns die Gestalt Mosis entgegentritt. Was wir von seiner Jugend- und Bildungsgeschichte wissen, ist so ganz ohne alles Ueberschwengliche und Abenteuerliche; was er gewollt und gewirkt hat, wissen wir genau; die Gestalten seiner Schüler und Freunde stehen mit geschichtlicher Deutlichkeit vor uns; über die Ursachen und den Verlauf seines Todes sind wir vollständig unterrichtet; was seine verübten Wunder betrifft, darüber haben wir schon gesprochen; dann wurde und wird er als Mensch betrachtet, und sein in der Bibel dargestelltes Leben ist von allein mythischen Beiwerk verschont geblieben. Nie ist es der Nachwelt in den Sinn gekommen, Moses als einen gottgezeugten Wundermann oder als eingefleischtes göttliches Schöpferwort zu halten, oder ihn Dinge von sich aussagen zu lassen, die ein Mensch von gesunden Sinnen von sich nicht ausgesagt haben kann. Endlich haben wir nicht vielerlei nichtübereinstimmende, sondern durchaus einerlei Berichte über Moses. So ist es auch mit den Schriften des Alten Testaments; sie wurden sorgfältig wie der Augapfel von den Priestern bewahrt und sind nicht durch viele Hände durchgegangen, die sich aus Interpolationen, Auslassungen und Umänderungen aller Art kein Gewissen gemacht hätten! Das Judenthum bedarf auch keines Menschen als Urbild menschlicher Vollkommenheit, nach dem sich der einzelne zu richten hat, denn Gott ist sein Vorbild: „Heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig!" „Nach Gott sollt ihr gehen! Wie kann inan, fragen die Rabbinen, Gott nachgehen? Ahme seine Eigenschaften nach. Wie er gütig ist, so auch du, wie er Schwächen und Jrrthümer verzeiht, so auch du", u. s. w. Diese Heiligkeit, welche der Mensch erstreben soll, und wofür das Alte Testament die positiveil Gesetze gibt, erstreckt sich nicht blos auf die Gottes- und Nächstenliebe, auf die Reinheit des Herzens und des Lebens des einzelnen: auch das Leben des Menschen in der Familie wird dadurch normirt; auch dem Staat und der Gesellschaft gegenüber weiß der Israelit aus dem Eilten Testamente, wie er sich zu benehmen, was er zu thun und zu lassen hat. Diese Momente, welche in der christ-