Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 376 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Jllustr. MonatSH. für die qes. Interessen des Iudenthnms. trachtete, war ihm stets mir Mittel, aber nicht Zweck. Indessen, die Tonne des Glücke', die ansnnd niedergeht, ging anch nnserm Leon bald unter: sein Vater starb ohne Vermögen nnd ließ eine trauernde Witwe in Venedig zurück, wo anch Jchuda sich im Alter von 2l Jahren niederließ nnd endlich 1-i!>7 anch vom Herzen seiner Mutter durcb den Tod derselben gerissen ward. Der Held unserer biographische» Tkizze war, um es mit Einem Wort auszudrücken, genial; seine Zeit und Umgebung, seine Lehrer, die ihm Unterricht ertheilten, warenaberauch dazu geeignet, das Genie zu entfalten nnd zu entwickeln! Man muß aber anch, bei jeder Zeichnung eines Lebensbildes, jedesmal die Umgebung näher angcben, von welcher cs Licht nnd Schatten erhält, will man die Entwickelung des Charakters näher kennen, sowie man bei der Untersuchung einer Pflanze auch den Boden prüft, in dem sic sich entfaltet. Zu allen Zeiten und Jahrhunderten wurde der Bildungsgang, das Streben und der Geschmack, die Cultur und Literatur der Juden von ihrer fremdconfessionellen Umgebung tangirt und beeinflußt. So war cs auch bei den italienischen Juden im sechzehnten Jahrhunderte. Grammatik und Exegetik, philosophische Abhandlungen und Poesie, theologische Untersuchungen und Forschungen gingen hier Hand in Hand mit dem italienischen Bildungsgänge und der Pflege der italienischen Bildung. So sehr man auch die Juden in den Ghettis ein- und absperrte, so wenig vermochte dieses-eine geistige Exclusion herbeizusühren und auf den gemeinschaftlichen Bildungsgang nachhaltigen Eindruck zu üben, um so weniger, als die italienischen Staaten, ja sogar der römische Stuhl, auch die jüdischen Talente würdigten und anerkannten. Zu den vorzüglichsten Versuchen der Italiener im sechzehnten Jahrhunderte gehörte, das Studium der Alten auf die Religionslehre des Christenthums anzuwenden. Die Versuche, die Volksreligion zu verbessern und die philologische und philosophische Kritik auch in Glaubenssachen anzuwenden, hatten in Italien lange Zeit viele schwere Kämpfe zu bestehen, da alle Regierungen über dem Glauben strenge wachten. Alle Gebildeten nahmen die christliche Religion so, wie seinerzeit Cicero und seine Zeitgenossen die heidnische; das Volk aber ward durch die Symbolik und sogar durch Ceremonien, welche der bessere Theil des Klerus misbilligte, so sebr an das Herkömmliche gefesselt, daß es einer Lehre wie der in Deutschland und in Genf gepredigten fast unzugänglich war. Nichtsdestoweniger wurden Versuche gemacht. Ein Buchhändler zu Pavia, Calvi, brachte aus Basel mehrere Exemplare von Schriften Luthers mit, die ohne seinen Rainen italienisch gedruckt wurden. Melanchthon's Dogmatik wurde bekannt gemacht. Der Ordensgeneral der Kapuziner, Ochino, entfernte sich 1542 aus seinem Vaterlande und opferte seiner inner» Ueberzengung alle äußern Vortheile. Peter Paul Vergerio, welchen Papst Clemens VII. an Luther schickte, ward später gerade wegen seiner Unbefangenheit im Religionsstreite, um derentwillen ihn der Papst an Luther gesandt hatte, verdächtig, und ward Protestant. Ein gewisser Muzio, ebenfalls ein Italiener, zog zwar gegen beide zu Felde, allein Muzio war reicher an Schimpfwörtern als an Gründen und historische!: Beweisen. Ein gewisser Sarpi hatte durch sein Buch den Beweis geliefert, daß inan ein vollkommen guter katholischer Christ sein kann, ohne sich zu den Grundsätzen zu bekennen, welche die Päpste haben aufstellen lassen. Diese Bewegungen gaben sich auch bei den italienischen Juden kund. Neben der in Italien begünstigten Mystik machte sich auch ein Streben nach freierer Bewegung und weltlicher Bildung auf dem Gebiete des Schönen und Nützlichen geltend und erhoben sich Männer der Wissenschaft. Bibelkunde, Alterthümer und sonstige innere Fragen würden mit Scharfsinn und Gelehrsamkeit behandelt und fanden lebhafte Anerkennung; es wurden Bibelausgaben ans Licht gefördert, welche durch Genauigkeit allen andern Versuchen der Presse auf diesem Gebiete zu Mustern dienten. Die Christen, in der Reformationszeit