Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 371 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Die Juden in Warschau zur Zeit der letzten Bewegung. die Spiel- und Theetische, daß im Fall einer Ueberraschung die Gesellschaft den Charakter eines Privatcirkels habe." Eine Stunde später stehen sie alle beisammen im Salon der jungen Dame, die Männer, die die Geschicke Polens in Händen haben, die Träger einer genial angelegten, mit Hingebung und Zähigkeit durchgeführten Bewegung, der die Bewunderung einer Welt zutheil geworden und die die ganze Energie und Truppenmacht einer gewaltigen Regierung herausforderte. Schlichte Männer in der einfachen Tschemera, meist in der ersten Blüte des Lebens stehend, voll Intelligenz lind ,straft. Eine Assemblee geistigen Adels, die Essenz des politischen Patriotismus und Heroismus! Zwei Spieltische sind in die Mitte des Salons geschoben und mit Spiel- und Rauch reg nisiten bedeckt worden, der Samowar dampft in einer Ecke, als ob die Männer hier in dieser tiefernsten Zeit nichts Besseres zu thnn hätten, als Kurzweil im Spiel zu suchen! Hätte die russische Polizei dies Eine Zimmer erobert, es wären ihr Schlachten erspart worden! Der alte Mann mit der Schramme auf der Stirn, Graf Kronowsti, bildet das Centrum; um ihn stehen die übrigen Herren im Halbkreise, Anrelia an der Seite des Grafeil. Es herrscht ein feierliches Schweigeil. „Meine Herren", beginnt dieser, „ich hielt es für unerläßlich, euch hier zll versammeln, um euch ein Ereigniß voll großer Wichtigkeit »ntzutheilen, das uns zu zermalmen drohte, dem imr nun aber, gottlob! glücklich ausgewichen. Eins unserer Mitglieder hat uns verratheil!" Ein Schrei der Entrüstung entfährt der Versammlung. „Als wir vor dreißig Jahren Revolution machten, hatten wir den Muth, das Selbstvertrauen und den Ehrgeiz, unsere eigenen Befreier zu sein; wir wollten unsere Stricke mit eigener Hand zerreißen, nicht aber sie von Mäusen zernagen lassen. Ihr, die jüngere Generation, habt die Juden in euer Bündniß ausgenommen, dadurch den Verrath in unsere heilige Sache gebracht lind sie gefährdet. Fräulein Anrelia Boljowska — ich klage sie dessen an— hat einen hingen Mann, Karl Goldheim, in unser Geheimniß und in unsere Organisation gezogen, hat ihm unser Vertrauen gewonnen und ihm zum Lohn für seine Liebe zu einer der obersten Rangstufen verhelfen." „Sie verleumden, Gras!" ruft das Mädchen heftig, ohne unter dieser Anklage und den vielen Blicken, die sich vom Sprecher auf sie richten, zu erröthen. „Ich kenne nur Eine Liebe, der ich mein Herz öffnete: die zum Vaterlande; alles andere ist nur Mittel zum Zweck. Wenn ich Karl Goldheim emporhob, wenn ich ihn in unsere Mysterien einweihte, wenn ich ihm in uilserm Cultus eine Priesterstelle einräumte, wenn icb ihm freundlich entgegenkam, ja Liebe heuchelte und Aussichten eroffnete, so geschah es im Interesse unserer Sache, der ich, mein Geschlecht verleugnend, mich widmete, wie ein Mann, wie der Muthigste von euch, so geschah es zum Wohl unseres Vaterlandes, dem wir gemeinsam dienen. Dank diesem meinem Kunstgriff hat Goldheim uns ersprießliche Dienste geleistet: er hat Geld und Waffen und Uniformen herbeigeschafft, eine Buchdruckerpresse angelegt, hat unsere Proclamationen verbreiten und unsere Beziehungen zu Paris und Dresden vermitteln geholfen ..." „Um »ms zuletzt vollständig zu verrathen und um so sicherer dem Feinde überliefern zu können", fällt der Graf ein. „Ich fahre fort, meine Herren. Jener Mensch, der unglücklicherweise unser Räderwerk keimt, steht in einein intimen Verkehr zum Generalgouverueur. Es ist mir rapportirt worden, daß Goldheim heute im Schloß gesehen wurde; er hatte eine lange Unterredung mit dein Fürsten und verließ später den Vorsaal in Gesellschaft eines Polizeibeamten, von dem er sich im Hose nach gewechseltem Händedruck trennte, um eilig nach Hause' zu fahren." „Goldheim?" fragt einer aus der Versammlung. „Goldheim, derselbe. Es liegt mir