Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 368 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. ein alter Mann und sollten den Muth haben, einfach zu bejahen oder zu verneinen. Ich liebe eher einen offenen Gegner als einen unzuverlässigen Freund. Antworten Sie mir offen, ob Sie Ihre Glaubensgenossen vermögen wollen, die Sache, der sie sich zu ihrem eigenen Nachtheil hingeben, zu verlassen und zu einer Regierung zn halten, von de.r allein sie Heil hoffen können. Daß Sie können, was Sie wollen, weiß ich ebenso bestimmt, als ich weiß, mit welchem unbesonneneil Eifer und welchem leichtsinnigen Undank die Juden der russischen Negierung, die sie mit Wohlthaten überhäufte, den Rücken wenden, um in das feindliche Lager, wo sie nur Haß und Verachtung finden, zu eilen!" „Euere Durchlaucht geruhten, mich zur ungeschmückten Wahrheit aufzufordern; gestatten Sie denn, fürstliche Durchlaucht, die Sympathie der Juden für die Sache der Polen, somit für eine Wendung des alteil Zustandes der Dinge zu entschuldigen, ohne sie zu theilcn. Die Juden sind in Rußland die Parias der Gesellschaft; sie sind nicht allein von dein öffentlicheil Leben ausgeschlossen, sondern aus dem größten Theil des Reichs verbannt ..." „Und hier in Polen sind sie es sogar aus dem größten Theil der Städte. Blicken Sie in die nächsten Gassen, dürfen Sie drin wohnen? Gäbe die Gemeinde zu, daß Sie da eine Handlung eröffnen oder ein Haus kaufen?" „Euere Durchlaucht haben gewiß recht, doch — und dies ist meine Ansicht nicht, Durchlaucht—doch glaubt man, daß bei einer eintretenden Aenderung der Verhältnisse die Lage der Juden günstiger würde und die Polen, edel und hochherzig und diese Tugenden eifersüchtig hütend, uns die für sie in Zeiten der Noth an den Tag gelegte Theilnahmc durch eine Verbesserung unserer socialen Stellung in den ehemals polnischen Provinzeil lohnen werden." „Ihr seid schlechtere Rechner, als ich vermuthete!" sagt der Fürst mit einem halben Lächeln, indem er sich auf ein Sofaniederläßt und sich in eine bequeme Positur bringt, wie jemand, der Zeit und Lust zu einer längern Unterredung hat. „Oder hat euch Gott mit? Blindheit geschlagen, um euch ins Verderben zu führen? Sie sind ein alter Mann und haben gewiß noch die Vorgänge aus dein Revolutionsjahre 1831 vor Augen. Sie können nicht die Weise vergessen haben, in der euch jene Männer begegneten, für die ihr nun euere Zukunft einsetzt; die Mishandlungen, denen ihr ans dem flachen Lande, wo die russische Herrschaft auf kurze Zeit abgeschüttelt war, erlegen, und die Eile, init der man euch hier in dieser Stadt auf einen bloßen Verdacht hin, auf die Auschwärzungen eines judenfeindlichen Pöbels an die Laternen hing und man euch endlich mit dem Versprechen Ruhe gab, nach Consolidirung der polnischen Macht euch aus dem Lande zu jagen!" „Durchlaucht, weit entfernt, die Ansichten der Mehrzahl meiner Glaubensbrüder zu theilen, wage ich nur, dem Befehl Euerer Durchlaucht, offen zu sprechen, gehorchend, die Bemerkung zu machen, daß jene Juden, die sich den Reformbestrebungen der Polen anschließen, es in der Ueberzcngung thnn, daß sie nicht wie bloße Kärrner Steine zn einem Bau tragen, den sie nicht werden bewohnen dürfen. Wenn sie Gut und Blut, wenn sie alles daran setzen, was dem Menschen heilig ist und theuer, so thnn sie cs auf Grund des von einem polnischen Fürsten erhaltenen Versprechens: tsiie l?6ux qui periüLont cle In Möwe morst cloivont vivre sie In möm6 vie." „Wenn die Juden darauf ihr Heil gründen, bedauere ich sie! Doch zügegeben, daß sie euch euere Hingebung lohnen", sagte Gortschakow ironisch, „sie werden euch in allen ihren Städten, in ihren bisjetzt »»entweihten Gassen aufnehmen, sie werden euch, statt den Fuß euch auf den Nacken zu setzen, den Bruderkuß geben — glaubt ihr, es werde jemals der Zahltag kommen, daß die Polen ihren gewaltigen Sieger je besiegen und hier in diesem Reich, wo der russische Adler horstet, ihr Banner aufpflanzen werden?" Der Fürst richtete sich auf. „Mit einer eisernen Faust werde ich die Polen packen", sagte er, „ich werde