Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-08-01 · Heft 5 (August 1865) · p. Seite 367

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 5 (August 1865)
Date
1865-08-01
Page
Seite 367 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417811--380-2418220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

267 Die Juden in Warschau zur Zeit der letzten Bewegung. müthigen Frauen, die zu Tausenden die Lebensstraße unsicher machen, Männerherzen angreifen, sie berauschen, sie moralisch entmannen und sie ihrer Ruhe berauben? Aurelia steht oberhalb ihres Geschlechts, der Geist ein Riese, das Herz eine Welt! Wie sie all die Männer gängelt, die die Geschicke ihres Vaterlandes lenken, wie sie mit starker Hand durch Klippen und Brandung steuert, so erklingen weicher und sanfter die Melodien ihres Herzens, wenn dessen Saiten berührt werden; so ist sie das gefühlszarte, liebewarme Weib, wenn wir Hand in Hand, Herz an Herz einen Moment von den Lasten des Lebens ausruhen und uns gehören. Vor einer Zukunft an Aureliens Seite machst du mir nicht bange, und riefest du auch hundert Ehen herbei, die die Liebe schloß und die Zwietracht zerriß!" Und damit riß Karl die Thüre auf lind eilte, als gelte es dem Gewissen oder der Vernunft zu entfliehen, die Treppe hinunter. Es harrten viele Leute im Audienzsaal des Fürsten Gortschakow. Deputationen patriotischer Vereine, Damen in Trauergewändern, Polizeibeamte mit geschriebenen Berichten, Offiziere in großer Uniform, dienstthuende Adjutanten und Kämmerer, daß es dem alten Manne ganz wirr wird, mitten in diese bunte Menge zu treten, deren Blicke sich auf ihn, den Neueintretenden, richten, und scheu und schüchtern drückt er sich in einen Winkel des Saals, die Blicke am Boden und seine Kopfbedeckung in der Hand zerdrückend. Hier entdeckt ihn der Offizier, der ihn herbeschieden. „Ich werde Sie melden", sagte er und schritt ins anstoßende Cabiner, und zum Erstaunen aller, die da lange schweigend gewartet, folgt der Greis bald dem Ruf des Offiziers, der ihm die Thüre öffnet und sie hinter ihm schließt, sich selbst in deren Nähe aus einen Stuhl werfend. Es geht ein Geflüster durch den weiten Saal zwischen den schwarzgekleideten Damen und den Herren vom Civil: „Ein alter Spitzbube, dieser Jude, ein Spion." So unerklärlich ist die dem alten Manne, dem Juden, gewor dene Bevorzugung, daß beinahe allen Anwesenden derselbe Gedanke über diese Erscheinung kam und manche den Muth hatten oder die Unvorsichtigkeit begingen, ihn an diesem Orte beinahe laut auszusprechen. Mittlerweile war Herr Goldheim in das Arbeitszimmer des Generalgouverneurs von Polen getreten. Vor ihm stand im schlichten, langen Soldatenrock die imposante Gestalt des alten Feldherrn, in dessen Hände der Zar die Geschicke des Landes und den Kern seiner Elitetruppen gelegt. Unter dem prüfenden Blick des gewaltigen Mannes zitterte, an ein solches töto-ü-tsto wenig gewöhnt, die ganze Form des armen Mannes fast zusammen, der keine Ahnung hatte, was ihn aus seiner glücklichen Verborgenheit gerissen und an diesen ihm so unheimlichen Ort geführt. „Sie heißen Goldheim?" fragte Gortschakow. Goldheim verbeugte sich tief. „Sie sind mir als ein ehrlicher Mann empfohlen worden, als ein Mensch von patriotischen Gesinnungen und Einfluß." Goldheim's halb entflohenes Leben kehrt wieder zurück, er beginnt wieder die Herrschaft über sich selbst zu gewinnen. Der Statthalter fährt fort: „Es ist mir gesagt worden. Sie sollen Einfluß auf Ihre Glaubensgenossen haben wie keiner ... können Sie sich desselben rühmen?" „Ich bin, Durchlaucht, nie in der Lage gewesen, mich desselben zu versichern." „Ich wünsche, daß Sie Ihre Macht dazu benutzen, die warschauer Judenschaft von der schiefen Bahn zurückzuführen, auf die sie fremder Einfluß, irregeleitete Anschauungen, falsche Vorspiegelungen geführt haben. Es ist ein verdienstliches Werk, das ich Ihnen übertrage, indem Sie möglicherweise Unglück verhüten würden." „Durchlaucht mögen die Ueberzeugung haben ..." „Ich will keine Phrasen. Sie sind

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.