Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 366 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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366 Jllustr. Monatsh. für die gef. Karl selbst steht einige Zeit wie vernichtet da, in Schmerz versunken.! Endlich rafft er sich auf, es scheint ihm wohler geworden zu sein; er küßt seine Schwester auf die Stirn, und ihr lächelnd in die feuchten Augen blickend, sagt er: „Seit wann werden in Rußland Hochverräther mittels von Adjutanten überbrachter Einladungen verhaftet? Glaubst du, man würde so den Vater vor den Fürsten zu irgendeinen: Verhör bringen, wenn man wüßte, daß in seinem Hause eine geheime Presse arbeite, und man würde mich laufen lassen, wenn man ahnte, daß ich Mitglied der revolutionären Behörde sei?" Diese Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht. Hermine seufzt auf, wie wenn sie aus einem bösen Traum erwacht wäre, und lächelt dankbar ihren Bruder an. Dieser fährt Mt: „Es ist nirgends ein sichererer Versteck als hier im Hause. Kein Mensch wird hier die bleierne Armee suchen, die wir mit Erfolg gegen Rußland operiren lassen, und niemand hier in einem gottgeweihten Winkel dieses stillen Hauses den Ursprung jener Plakate und fliegenden Blätter vermuthen, die wir über Polen aussenden. Im ersten Moment war ich selbst erschrocken, als der Offizier mit dem Befehl erschien, der Vater solle sich unverzüglich ins Schloß verfügen, denn der Schreck ist schneller als die Ueberlegung; doch jetzt sehe ich klar, daß wir nichts besorgen müssen. Es wird ein Auftrag, eine Erkundigung, vielleicht gar eine Belohnung für sein loyales Verhalten sein, welche die Berufung des Vaters zum Statthalter veranlaßten. Du wirst es sehen, Hermine." „Ich wollte, der Vater wäre schon zurück!" „Er wird zurückkommen, und bis dahin eile ich zu Aurelia, um den Vorfall mitzutheilen, der jedenfalls wichtig ist." „Du gehst nicht, wahrhaftig, du gehst nicht, Bruder! mir wird angst und bange sein, wenn ich allein bleibe; ich werde in jedem Geräusch draußen eine nahende Gefahr hören. Der Schreck hat ineine Nerven erregt." Interessen des Jndenthums. „Aber Kind", sagte Karl, „ich muß doch zu Aurelia ..." „Aurelia und immer Aurelia!" ruft Hermine, ungeduldig und ärgerlich geworden. „Die ganze Welt geht dir auf in Aurelia! Vater und Schwester, ja selbst Gott stehen ihr nach, die dein ganzes Wesen ausfttllt und der zu Liebe du uns alle aufgibst. Wohin wird es dich führen, Karl?" „Zuerst zum Sieg und dann zum Altar!" s„Zum Sieg, das hoffe ich in deinem Interesse lind im Interesse der Sache, der auch ich diene, so unbedeutend und schwach ich bin. Aber zum Altar- — das verhüte Gott! Wirst du deinen greise» Vater, wirst du deine Schwester und all jene, die dir im Leben zunächst stehen, hinter dir lassen, um in eine Familie und einen Religionsverband zu treten, die nicht die unsere und in denen du immer fremd, immer der Renegat bleibst?" „Das werde ich auch nicht thun. Ich bleibe Jude, und Aurelia wird Christin bleiben, uns wird nur das Band der Liebe vereinen." „Also eine Mischehe, wie sie dein ehemaliger Freund Joseph eingegangen? Und schreckt dich sein Beispiel nicht? Bereut er nicht fort und fort den begangenen Leichtsinn, ist er nicht zum Zwitterwesen herabgesunken, zerfallen und zerrissen mit sich selbst? Höhnt ihn nicht sein Weib, wenden sich nicht seine eigenen Kinder ab, wenn er durch die Beobachtung eines der Gebote an seine Religion mahnt? Wird nicht seine Sabbatfeier, sein Osterfest entweiht, werden nicht seine Buß- und Fasttage gestört, geht er nicht als Fremder im Kreise der Seinen umher, mahnt ihn nicht seine Frau immerfort an das Opfer, das sie ihm brachte, bleiben ihn: nicht ihre Familie und ihre Freunde verschlossen und die Seinen entfremdet? Hast nicht du selbst den ersten Stein nach ihm geworfen, als er den Schritt gethan, der ihn: sein Lebensglück kostete?" „Das sind hohle Worte, Phrasen", ruft Karl ungeduldig; „suche dir hellere Farben! Oder glaubst du, Aurelia ist wie die andern engherzigen und schwach-