Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 362 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417811--375-2418215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
362 Jllustr. MonaLsh. für die ges. halten, konnte sie ihn da sogleich aus ihrem Herzen Herausreißen und dieses an seinen Bruder, an Elieh, verschenken? Das merkwürdige Weben in diesem Mädchenherzen möchte man wol etwas klarer erschlossen sehen. Ein freudiger Lichtpunkt in diesem Lüstern Gemälde ist Tille, dieses reizende Kind mit dein blumengeschmückten Köpfchen lind den tollen Launen und Ausgelassenheiten. Wie wenn man lange Zeit durch einen finstern Wald gegangen, dessen dicht ineinander verschlungene Baumkronen einem neugierigen Sonnenstrahl nur selten den Durchgang gestatten, und plötzlich aus diesem Wald heraus in eine freie, heiter lächelnde Landschaft tritt: ein ähnliches Gefühl ist es, mit dem wir an die Betrachtung der „Neuen Geschichten aus dem Ghetto" gehen, nachdem wir soeben den „Pflug" bei Seite gelegt. Die „Neuen Geschichten aus dem Ghetto" (erschienen 1860) haben mit Ausnahme einer einzigen: „Die Schweizerin", durchgehends den Charakter liebenswürdiger Heiterkeit, und die Schweizerin nimmt sich unter diesen Erzählungen nicht anders aus als wie eine in Trauer gehüllte Dame in einer Gesellschaft weißgekleideter Mädchen, die beim jubelnden Klang der Instrumente sich lustig im Kreise herumdrehen. Da haben wir gleich zu Anfang „Eisik's Brille", eine sehr angenehme, geistreiche Bluette. Diese Brille ist nichts anderes als in Miniatur die irrende Ritterschaft des Don Quixote. Jeder Mensch trägt sie auf der Nase, und solange er die Welt durch sie beschaut, wird sie ihm freilich anders erscheinen, als sic ist. Wohl dem, der sie bei zeiten ablegt, wie Eisik es gethan, der sich früher auf seine Brille so viel eingebildet. Eine harmlos kölnische Figur ist der Gemeindesänger Daniel Kremsier, der ein gutes Glas Wein keineswegs verschmäht. Ganz ohne Schmerz entläßt uns Kompert nicht; er sorgt schon dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und daß wir im Lachen den Mund nicht zur Grimasse verzerreil, und verändert deshalb rasch durch eine Wendung unser Lachen in ein Lächeln. Die Darstellung des fast unausweichlichen Bau- Interessen des Judenthums. krotts ist es, die unser Lachen bändigt und uns neben der Lichtseite auch wieder ein Stück Nacht aus dem Menschenleben sehen läßt. Damit aber auch das religiöse Motiv nicht ganz leer ausgehe, haben wir die Gestalt des reformirenden Predigers vor uns und die Stimmen in der Gemeinde über seine Neuerungen. Einen ähnlichen erheiternden Eindruck, wie Eisik's Brille, macht auch die Bluette: „Roßhaar." Wir möchten sie am liebsten als Porträt des Vetter Schnull bezeichnen. Wer häufig in die Oper geht, kann von ältern Leuten sehr oft hören, daß es heute keine Sängerinnen mehr gebe, und daß es vor so und so viel Jahren ganz anders gewesen, und wer nicht in die Oper geht, kann hören, daß alte Leute oft behaupten, die Kirscheil hätten heutzutage gar nicht mehr den Geschmack, den sie einmal gehabt, die Welt sei ganz anders geworden. Die guten alten Leute haben sich selbst verändert und meinen, die Kirschen und die Sängerinnen seien anders geworden; ihre eigene Veränderung merken sie nicht, sondern sie seheil nur, wie die Natur Rnd die Welt sich geändert haben. Kurz, es war früher alles „Roßhaar", echtes Roßhaar, heute aber ist alles nichts als Kuhhaar, gemeines Kuhhaar, und das ist die Anschauung des Vetter Schmul auf seinem alten Ledersessel, den wir herzlich bedauern (d. h. den Vetter Schmul, nicht den Ledersessel), daß er als junges Kind wegen zwei vergessener Eisenstangen noch einmal die große Reise durch den unheimlichen Brandeiser Wald nach Prag machen mußte. Von der „Schweigerin" haben wir in allgemeinen Umrissen schon angedeutet, wie sie sich in dieser heitern Gesellschaft ausnimmt. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!" ist ein bekanntes Sprichwort. Es gibt aber ein Schweigeil,, das noch mehr Werth ist als Gold, das ist das Schweigen der Entsagung, der Buße, und ein solches Schweigen ist das unserer Schweizerin. Wenn jemand blos schweigt, weil er zu reden nichts versteht, so ist sein Schweigen schon darum Gold, weil er sich keine Blöße gibt; wenn jemand schweigt aus Neberlegenheit, indem er