Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 361 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Leopold Kompert. 361 Frage gegenüber, ob der Jude zur Landwirthschaft passe, ob der Jude ein Bauer sein könne oder nicht. Die Frage ist wieder eine rein sociale und auch das religiöse Motiv zittert in einigen Seitenbewegungen nur leise durch. Wer diese Frage mit Zähigkeit verneint, das ist Nachime, die Mutter und Frau deS WirthschastshofeS, die durcb nichts ans der Welt überredet werden kann, daß sie zu einer Bäuerin geboren sei. Ihr zur Seite schleicht sich wie ein Schatten der unheimliche Vetter Koppel mit seinem mystischen „Mogen-Dowid". Den Segen der eigenen Scholle kennt niemand besser als Nachime's Sohn, Auschet, der durch Woytech's Unterricht ein vollständiger Bauer wird, ebenso der Herr und Vater des Hauses, Reb Schlome. Diese Gewalten stehen einander gegenüber, und sie kämpfen mit einer fürchterlichen Waffe, mit der des L-chweigenS. Nachime findet in der Tclnneh, in dem Gebetbuch für jüdische Frauen, nicht einmal ein Gebet, das auf ihre Lage paßt, Beweis geuug für ein im Innersten empörtes Gemüth, daß ihre Lage eine ganz abnorme, gar nicht die Lage einer jüdischen Frau sein könne. Hätte denn sonst der Verfasser der Dchineh, der doch alle mögliche freudige und traurige Anlässe berücksichtigt, mich diesen Einen Fall, in dem sie sich befindet, ganz vergessen? Nein und abermals nein! sie ist zur Bäuerin nicht geboren. Inzwischen bestellt Auschet mit eigener Hand das Feld, er ackert selbst und verrichtet, wie wenn er dabei geboren und erzogen wäre, die schwersten Feldarbeiten. So entsteht zwischen den Eheleuten und den Kindern eine Entfremdung, die für jede Häuslichkeit das schwertreffendste Unglück ist. Hätten sie sich gegeneinander ausgesprochen, anstatt den Schmerz in sich herumzutragen, es wäre eine Verständigung wahrscheinlich erzielt worden. Man hätte die Gründe des Für und Wider gegeneinanderhalten, dieselben prüfen, sich gegenseitig belehren oder wenigstens überreden können; das aber ist ja das größte Unglück, daß Menschen nebeneinander hergehen können lind stumm sind, wo oft ein einziges Wort, hinreichen würde, das Eis zu schmelzen.! Hilberg'S Illustrirte Monatshefte. I, S. — Anqust 1S«S So mußte denn die Verständigung, die Versöhnung durch das Wort eines andern bewerkstelligt werden, dessen Spruch unerbittlich ist, durch das Wort des Himmels, denn sein Wort ist eine Thal. Der Tod Elieh's, des gelehrten Sohnes, der Rabbiner werden sollte, bat das erzielt, was sonst keine Macht zu erzielen im Stande gewesen wäre, die Aussöhnung eines verbitterteil Gemütbs mit sicb selbst, mit der Familie, mit der Welt. Durch den Tod des Solr nes hat die Mutter sich selbst wieder gefunden. Wenn inan will, kann man auch hier wieder behaupteil, der ganze Conslict, der in Nachime vorgeht, sei eine Al bernheit, eine Einbildung, ein Vorur theil. Zugegeben; aber vergessen wir nur nicht die Antwort, die wir früher in Bezug auf Mindel Brandeis gegeben haben. Wenn Nachime mit den zarte sten Geweben ihrer Empfindung an der Welt hängt, aus der sie gewaltsam herausgerissen wurde, wenn sie sich trotz blühendeil Wohlstandes in die neue, ihr aufgezwungene Welt nicht hineinzuleben vermag, so laßt einen trockenen Ge lehrten solches Vorurtheil immerhin belächeln, der Seelenmaler aber weiß wohl, was er thut, wenn er den aus solcbem Vorurtheil entspringenden Schmerz nichtsdestoweniger als eine rein menschliche Gefühlsregung schildert; denn nur mit der Analyse der Empfindung, nicht aber in allen Fällen mit der Analyse der Ursache dieser Empfindung hat es der Seelenmaler zu thun. Eine wunderbare Zeichnung ist der Knecht Woytech mit seinem aus Trotz und Demuth zusammengesetzten Wesen. Die Episode von Woytech's Liebe zu einem Judenmädchen, das er voll der Taufe zurückhält, ist ergreifend. Er und Elieh, den er als hochwürdigen Herrn verehrt, sind diejenigen Personen, in denen sich, wie bei einem großen Symphoniefatz in einem Seitenthema, das religiöse Motiv abspielt. Nicht ganz befriedigt ist der Leser, wenn er an des Richters Tochter denkt. Sie liebte Anschel, und nachdem sie das Tuch, das Liebeszeichen, das sie ihm In der ersten Nacht gegeben, zurücker- 24