Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-08-01 · Heft 5 (August 1865) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 5 (August 1865)
Date
1865-08-01
Page
Seite 360 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417811--373-2418213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

360 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Haft christliche Mutter wird, von der sie beten lernen können, und die ihnen in Wort und That, wie es einer Mutter ziemt, als leuchtendes Beispiel vorangeht. Sic wußte freilich nichts von dem Spruch des Urdede, „was man alles thun darf", aber sie fühlte instinctiv, was eine wahre Mutter alles thun muß. Den Abschluß dieses Bandes („Böhmische Juden") bildet das „Trendcrl". In dieser Geschichte ist,ein rein sociales Motiv behandelt, das religiöse spielt »nr leicht hinein. Taugt der Jude zum Handwerker oder nicht? Das ist die Trage, deren Lösung in bejahendem Sinne gegeben wird. Aber wohlverstanden, hier ist unter Handwerk nicht dasjenige gemeint, zu welchem blos einige Geschicklichkeit und allenfalls auch Fleiß und Geduld gehört, wie etwa die edle Schneiderei und dergleichen, sondern dasjenige Handwerk, welches Muth und Unerschrockenheit erfordert, die Ucberwindung jener kleinlichen Furcht und Feigheit, welche hindert, auf einen Dachstuhl hinaufzusteigen, um daselbst einen Blitzableiter zu befestigen, oder gar auf einen hohen Kirchenthurm, um daselbst das Dach auszufticken. Von solchen Handwerken hat sich in früher» Zeiten der Jude fern gehalten, und es hatte sich demzufolge in der „Gasse" die Meinung festgesetzt, der Jude tauge zu solchen lebensgefährlichen Dingen nicht. Die stärkste und eifrigste Repräsentantin dieser Meinung ist Mindel Brandeis, die mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dahin arbeitet, daß der jüdische Schlossermeister, Trenderl genannt, den Blitzableiter auf das Dach der Synagoge nicht hinaufsetze. Ihr hülfreich zur Seite steht das ^gescheit' Jüdel", Hirsch Blaser. Den entgegengesetzten Standpunkt vertritt der vr. Prager, den wir mit Vergnügen als den Schnorrer Emanuel erkennen, welchen wir im „Dorfgeher" kennen gelernt haben, und ihm zur Seite steht kein Geringerer als Mindel's eigener Mann, Schmul Brandeis, der für die neuen Ideen des freisinnigen Mannes sehr zugänglich ist. Mindel behauptet Nein! der Doctor behauptet Ja! und zwischen ihnen in der Mitte erscheint die ideale Gestalt von Mindel's Tochter, welche den Schlosser mit aller Glut ihrer Seele liebt, sowie dieser selbst, welcher ruhig und unbekümmert in der Schlichtheit seines Herzens seinen Weg geht und das merkwürdige Kunststück trotz allen Hirsch Blasers zu Stande bringt. Trenderl ist eine derb-realistisch gezeichnete Figur, die zu der idealen Taube einen schönen Contrast bildet, sowie sie in ihrer Vereinigung einen Anblick bieten, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht. Das religiöse Motiv spielt, wie wir schon sagten, nur leise hinein; es spielt in dem überwundenen Kampfe, den Emanuel innerlich durchgemacht, ehe er sich so weit gekräftigt und gestählt, um sich ganz seinem ärztlichen Beruf und den Humanitären Ideen hinzugeben. Man mag dem Dichter immerhin den Vorwurf machen, daß der Eouflict in der Seele Mindel's eigentlich nur eine Einbildung sei. Was sie schmerzt, berührt nicht die Menschheit, sondern entspringt aus einen: Vorurtheil. Zugegeben; aber schmerzen uns eingebildete Leiden weniger? Kommt es denn nicht eben auf die subjective Vorstellung von einen: Gut oder Uebel an, ob es mir als dieses oder jenes erscheint? Die Frage ist gar nicht, ob ihre Furcht eine begründete, sondern, wie der sich aus ihr entwickelnde Seelenzustand geschildert sei; und in dieser Beziehung läßt sich nicht leugnen, daß die Angst der guten Frau in einer Weise dargestellt ist, daß selbst der vorurtheilsfreieste Leser für das Leben des jungen Schlossermeisters mit ihr bangt und zittert. Durch die ganze Darstellung aber weht der Hauch einer neuen Zeit, sie ist beleuchtet von den goldenen Strahlen einer neuen Frührothsonne. Dasselbe Thema, aber gesteigert und psychologisch mehr vertieft, hat Kompert noch einmal ausgenommen, und die Bearbeitung desselben liegt uns vor in der fünf Jahre später (1855) erschienenen größeren Erzählung: „Am Pfluge", welche allein zwei Bände umfaßt. Wie im „Trenderl" die Frage aufgeworfen wird, ob der Jude zum Handwerk tauge, so stehen wir hier der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.