Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 359 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Leopold Kompert. 35l' behandelt, oder noch besser, er hat ein ursprünglich sociales Problem behandelt, welches auf einem religiösen ruht und aus einem solchen hervorgegangen. Der Conflict spielt sich zumeist innerhalb des Judenhauses ab und entwickelt sich in dem scheinbar uuausgleichbaren Gegensatz zwischen Mntter und Sohn. Die Mutter sieht in Madlena immer noch die Tochter, das Kind, das sie unter ihrem Herzen getragen, und an dem sie, mag auch was immer vorgegangen sein, mit den zartesten Fäden ihrer Seele hängt. Joffes hingegen kennt seine Schwester nicht mehr, er will nichts von ihr wissen, sie ist todt für ihn. Wer sollte es diesem harten Alaune ansehen, daß er seine Schwester noch einmal mit der innigsten Bruderliebe in seine Arme schließen, und daß sich die Geschwister an dem Tvdtenbett der Mutter wiederfinden werden? Welche Macht konnte dies Wunder bewirken, das Herz des Menschen, das sich zuschließt gegen die Regungen des Gefühls, zu schmelzen wie Wachs und eine Saat darin aufkeimen zu lassen, für welche man darin keinen Boden mehr zu finden glauben mußte? In weiter Ferne, unfern Blicken kaum mehr sichtbar, taucht eine Gestalt auf, die wie eine göttliche Erscheinung verklärend in die Darstellung hineinragt. Es ist ein kleines, nettes Männchen, der Urdede, mit weißen Haaren und einem goldenen Spruch. Dieser Spruch lautet: „Nicht sollt Ihr» wissen, was inan alles thun darf!" Er hat scheinbar etwas Verletzendes, dieser goldene Spruch, und er allein wür's auch nicht gewesen, der unfern Joffes darüber aufgeklärt Hütte, was inan alles thun, d. h. hier, ob ein Bruder seine verlorene Schwester noch erkennen darf. Aber der Urdede hat nicht nur gesprochen, sondern auch geschrieben, und was er geschrieben, ein Theil davon, findet sich als vergilbtes Manuscript noch vor, und darin stand nichts anderes als die „Bergpredigt" aus dem Evangelium. Die Worte Jesu sind tief in das Gemttth des Dorfjuden gedrungen, und in Liebe und Frieden reichen sich die Geschwister am Bett der sterbenden Mutter die Hände. Die Charakterzeichnung in dieser Erzählung ist meisterhaft. Mit voller Lebendigkeit treten die Gestalten vor unser Auge. Wir machen mit Joffes die innern Kümpfe durch, welche die Brust dieses unbeugsamen Mannes so seltsam bewegen. Wir fallen selbst unter der schweren Last, von welcher seine Schwester Madlena just seinem Hause gegenüber zu Boden gedrückt wirv. Wir fühlen mit der alten Babe das tiefste Weh einer Mutter, die ihr Kind tiebt und zwischen sich lind ihm eine unüber steigliche Scheidewand aufgerichtet sieht. Wir freuen uns innig, daß Fischele, dieses kluge Kind, so geschickt ohne Wissen des Vaters den Zucker und Kaffee, den ihm die Babe für Madlena gegeben, zu überbringen weiß. Und nun der Bauer Parcik, der dem Alumnat entprungen, ein Religionsverächter, der sich an der Bildsäule des Johann von Nepomuk vergreifen will und von dem Dorfjuden Joffes daran gehindert wird; der Bauer Smetana, der durch seine schlichte Darstellung von seinem Verhältniß zum Sohu und zur Schwiegertochter auf Joffes einen so tiefen Eindruck macht; Anezka, die Magd, die auf Austiften des Pfarrers aus dem Hause des Juden scheidet, auf der Brücke die Scene zwischen ihrem Vater und Jossef belauscht und dadurch zu ihrer frühem kindlichen Anschauung zurückgebracht wird; der Lehrer Julius Arnsteiner endlich, diese komische Figur, der wir in den spätem Erzählungen noch manchmal begegnen werden, die aber hier zum ersten mal vor uns auftritt und unbewußt den Abschluß der erschütternden Darstellung herbeiführt: alle diese Gestalten sind zum Greisen wahr geschildert und athmen volles, wirkliches Leben. Wenn wir auch hier die Frage stellen, warum sich Dinah eigentlich taufen ließ, so erhalten wir wieder die Antwort: Aus Liebe, aus Liebe zu Pavel, dem Sohne Smetana's; einen andern Beweggrund hatte sie nicht. Das Tiefe in diesem Charakter zeigt sich aber darin, daß sie das Neue, was sie ergriffen, mit aller Treue eines echt weiblichen Gemüths in sich ausnimmt, und daß sie ihren Kindern eine wahr-