Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 357 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Leopold Kompert. 357 ordentliche Bewilligung. Wenn wir dir, verehrter Leser, nun das Verbrechen verrathen, welches Jaikew Lederer beging, indem er nach vierzehnjährigem Warten sich mit seiner Resel vhne Be-> willigung zur Chasseue entschloß, so wirst du nun begreifen, daß er hiermit das Damoklesschwert über seinem Haupt ausgehüngt, und daß er in jedem Polizeidiener den Arm der rächenden Nemesis erblickte. Die Leiden Jaikew Lederer's und Resel's, seines ohne Bewilligung ihm angetrauten Weibes, und ihre endliche Erlösung durch die Gnade des Kaisers in Wien, dem Resel in einer Audienz Nachricht gab, was Jaikew Lederer für ein feiner Mensch sei, dies mit einer Masse der feinsten Details, zu deren Wiedergabe uns die Feder Kompert's zu Gebote stehen müßte, hat der Dichter in der genannten Erzählung „Ohne Bewilligung" zum Gegenstände seiner Darstellung gemacht. Die Schilderung des „Ehvlemoed" und die schriftliche Eingabe, mit welcher sich Resel Mireles an den Kaiser wandte, sind auch wieder solche Einzelheiten, welche von dem sinnig beobachtenden Auge des Dichters sowie von seiner Fähigkeit, sich in die Lage eines gequälten, zum Himmel aufschreienden Menschenherzens hineinzuleben, sprechende Zeugnisse ablegen. Die Poesie tritt in dieser Erzählung so verschämt und züchtig auf, daß wir fürchten, nicht jedermann werde sie erkennen, und fast könnten wir so grausam sein, zu verlangen, daß nicht jedermann „ohneBewilligung" diese Erzählung lesen dürfe. Die „Märchen aus dem Ghetto" müssen wir sehr kurz abthun. Es sind dies keine Erfindungen des Dichters, sondern treue Nacherzählung dessen, was man in einem jedem Ghetto hören kann. Diese Märchen sind auch nicht duftig und blühend und herzerfreuend und golden wie schöne Rosen und lächelnder Sonnenschein, sondern größtentheils schrecken- und grauenerregend. Ihr Schauplatz ist zumeist der „gute Ort" oder die „Schul'", ihre Zeit die mitternächtige und ihre Helden die „Schedim" oder die Geister der Abgeschiedenen. Wir wollen kein einziges dieser Märchen auch nur mit einem Wort näher bezeichnen; die muß man so unangerührt lassen, wie sie in der „Gasse" sich erhalten haben, wie sie dort leben und wie sie hier verzeichnet sind. Kompert hat als echter Dichter gehandelt, daß er hierbei mit solcher Treue verfahren und daß es ihm nicht in den Sinn gekommen, diese Märcben etwa symbolisch ausbellten zu wollen; denn mit solchem, in unserer Zeit modernen „Geschäft" wird nichts erreicht, als daß die eigentliche Poesie von der seacke abgestreift, ohne daß etwas anderes an deren Stelle gewonnen wird. Diese Märchen sind, wie alles, was der dichtende und mvthenbildende Volksgeist erfunden hat, ursprünglich, und in dieser Ursprünglichkeit lind einfachen Bereitest sollen sie auch erhalten bleiben ohne Zusätze nnd Deuteleien, die sie ihrem Wesen nach nicht vertragen. Freilich schließt dies den Fall nicht ans, daß aus ihrer Grundlage größere Cvmpositionen dichterischer Erfindung aus geführt werden; damit hat es eine andere Bewandtniß. Aist diesen Märchen aus dein Ghetto ist der ganze Band der Geschichten „Ans dem Ghetto" abgeschlossen. Fast gleichzeitig mit der zweiten Auflage die ses Buchs ist ein zweites Buch von Kompert erschienen: „BöhmischeJuden", wieder ein Band Geschichten aus dem Ghetto. Er enthält deren nur drei: „Der Dorfgeher", „Eine Verlorene" und „Trenderl." Sehen wir die einzelnen etwas näher an. Des „Dvrfgehers" Sohn, Emanuel, steht auf dem Punkte, sich taufen zu lassen. Was hält ihn von der Taufe zurück? Die Scenen im älterlichen Hause; also ein Gefühlsmoment. Gut. Wie, wenn aber der Zufall es gefügt hätte, daß Emanuel hierauf init seiner'geliebten Klara wieder zusammengetroffen wäre? Was hätte er gethan? Vielleicht wäre er durch dies Gefühlsmoment bestimmt worden, die Taufe an sich vollziehen zu lassen! Vielleicht auch nicht, mindestens würde er wieder schwankend geworden sein, und es käme xben darauf an, welches der beiden Gefühlsmomente über ihn die Oberhand gewonnen haben würde. Hiermit ist das religiöse Motiv, welches in den