Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 356 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Auge der Mutter zieht ihn mit unsagbarer Gewalt in den Kreis zurück, dem er angehört. Doch nicht in dieser zweifachen Wandlung, in dieser „Einsicht und Umkehr", um uns eines heutzutage häufig gebrauchten politischen Schlagworts zu bedienen, liegt der Schwerpunkt der Handlung; dieser liegt vielmehr darin, daß gerade er, gerade dieser Mensch, den wir schon aufgeben zu müssen glaubten, daß gerade er und kein anderer bestimmt war, der Schwester als rettender Genius zu erscheinen; und es überkommt uns, wenn wir bei dieser seiner That angelangt sind, das Gefühl, als ob der Bruder die innerlichen Kämpfe, welche er durch das Heranschleichen der religiösen Zweifel in seiner Brust durchzumachen hatte, gerade darum habe durchmachen müssen, weil er von vornherein für die genannte Sendung, seine Schwester zu retten, bestimmt war. Damit wollen wir nicht sagen, daß Kolnpert mit irgendeinem Wort etwa auf diesen Gedanken bestimmt hinweist, als ob es ihm darum zu thun gewesen wäre, seiner Geschichte eine tendenziöse Färbung zu geben; aber das ist ja die Macht der echten Poesie, daß wir uns auch da, wo sich alle Verhältnisse rein und natürlich abwickeln, doch immer in dem Bann einer höheru Macht befinden, die in die Handlung hineinragt und unser Fühlen gefangen nimmt. Kompert hat in dieser Erzählung zum ersten mal ein Thema, welches sonst nur leise in seinen Saiten vibrirt, in vollen Tönen angeschlagen; er ist später auch wieder in anderer Form auf dasselbe zurückgekommen; es ist dies das religiöse Problein. Wir werden beim „Dorfgcher" und bei der „Verlorenen" in den „Böhmischen Juden" auf dasselbe zurückkommen und begnügen uns mit der Bemerkung, daß Kompert in den „Kindern des Randars" das religiöse Motiv weniger von der religionsphilosophischeu Seite, dafür aber mit allen ihm in so reichem Maße zu Gebote stehenden poetischen Mitteln behandelt hat. Der Schnorrer Mendel Wilna, dessen Eingreifen in die Handlung vorzüglich motivirt ist, bliebe auch losgelöst von derselben ein Meisterstück der Genremalerei. An dieser Zeichnung kann man sehen, wie die lebendige Anschauung der „Schlafstätte" und ihrer wunderlichen Gäste auf das rege Gemüth des Knaben gewirkt und welches Nachtönen sie in ihm für alle Zeit zurückgelassen. Wenn ein Leser, der die ersten Eindrücke der Welt und des gesellschaftlichen Lebens der Menschen nicht im Ghetto empfangen, eine Erzählung zur Hand nimmt, die den Titel führt: „Ohne Bewilligung", so wird er sich unter diesen zwei Wörtern vorläufig entweder gar nichts öder alles Mögliche denken; denn so viel weiß er, und mag er wo immer erzogen worden sein, daß sich auf Erden sehr viele Dinge befinden, zu deren Erlangung der Mensch gar wohl einer Bewilligung bedarf. Aber wie erfinderisch sein Geist und wie lebhaft seine Phantasie auch sein möge: er wird auf die entlegensten und abenteuerlichsten Dinge fallen, auf das Rechte aber nun und nimmer; das weiß nur ein Kind des Ghetto. Wie auch anders? Wie sollte es einem Menschen, der immer in Gottes freier Natur geathmet, auch einfallen, daß es einmal Menschen gab, die ohne Bewilligung nicht athmen durften, und daß ein kleiner Amtsschreiber oder eine andere dergleichen hochgestellte Persönlichkeit die Macht hatte, ihnen die nöthigeLebensluft zu entziehen! Hieß es aber etwas anderes als die Lebenslust entziehen, wenn Jaikew Lederer, der doch nach der Versicherung von Resel Mireles der beste Mensch von der Welt war, blos aus dem Grunde nicht heirathen durfte, weil er weder ein Erstgeborener, noch ein promovirter Doctor, noch ein Handwerker, sondern eben nichts anderes als der beste Mensch von der Welt und zu allein Ueberfluß nebenbei auch ein Viertgeborener war! Doch welch ein Jrrthum! Er hätte gar nicht der beste Mensch von der Welt sein müssen, er hätte auch nicht der Erstgeborene, weder Doctor noch Handwerker zu sein brauchen, und er hätte in Gottes Namen immerhin heirathen können, wenn er, — nun, wenn er nicht Jaikew geheißen, d. h. kurz und bündig, wenn er kein Jude gewesen wäre; denn der Jude brauchte zur Heirath eine ganz außer-