Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 355 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Leopold Kompert. 355 noch immer zu gut dazu! War Esther doch wirklich ergeben genug, wenn sie der Meinung war, sie sei an seinem Unglück schuld! Aber daß auch sie, daß Esther endlich ihn verrathen, daß sie ihn für einen Schlemiel halten, ja ihn schonungslos als solchen bezeichnen werde, das vermochte er nicht zu ertragen. Kann man das gute Weib aber auch so schwer verantwortlich machen, daß ihr der unselige Ausdruck entschlüpfte, wenn gerade in der Gans, die Anschel doch nur gekauft, um sich und seine Familie allen Schlomes zum Trotz daran aufzurichten, wenn gerade in der Gans ein Nägele gefunden wurde, welches sie ungenießbar machte? Gute Esther! Wir verzeihen ihr das beleidigende Wort, denn sie hat's gewiß nicht bös gemeint, und hätte es gewiß auf den Lippen noch unterdrückt, wenn sie gewußt hätte, daß an diesem kleinen Nägele ihres Mannes Schicksal hing. Die humoristischen Lichter, die Kompcrt in dieses Bild hineinfallen läßt, sind schon häufiger; aber weiß der liebe Himmel, das Lacheu.erstirbt einem, im Munde, bevor es herauskommt, und den Mund, der sich schon zum Lächeln verzogen hatte, umspielt ein leiser Zug geheimnißvoller Wehmuth darüber, daß ein so schweres Schicksal von einem so leichten Ding wie ein Nägele getragen wird. Kompert treibt in dieser Geschichte mit uns sein Spiel, er erzählt und sieht uns dabei scharf ins Auge, und wie er merkt, daß der Lachteusel, der doch immer im Menschen steckt, auf sein gutes Recht pocht, da macht er rasch eine Schwenkung und ruft uns mit bitterm Ernst, zu: Aha! steht es so? so war es aber nicht gemeint; da gibt es nichts zu lachen; das Lachen' soll euch sogleich vergehen! Und in der Thal, wer wollte darüber lachen, wenn die Bosheit von Schlomeh Katz, der jetzt doch mit seinem Hause, mit seinem Schlafrock und rnit seiner silberbeschlagenen Pfeife zufrieden sein könnte, während sie den todten Anschel in die kühle Erde legen, so weit geht, daß er selbst den Todten noch für einen Schlemiel hält! Mit tiefer Rührung erinnern wir uns dabei an das Wort, welches uns der Dichter gleich anfangs zugerufen: „Unsterblich ist einmal das Schlemielthum, und der letzte Mensch, der einst zu dieser Welt hinausgehen wird, wird auch der letzte Schlemiel sein'!" Ein Bruder hält seine Schwester von der Taufe zurück, und diese beiden sind „die Kinder des RandarS". Die Schwester heißt Hannele, so wie sie in ihrer Kindheit geheißen; es hat sich auch iu Wahrheit in ihr nichts geändert, sie hat sich nur entwickelt; die Schnorrer, die ins Haus kamen, mochte sie schon in ihrer Kindheit nicht leiden, und in Honza, dem nachmaligen Pfarrer, dein sie sich in die Arme warf, sah sie schon als junges Mädchen, da sie ihm alle „Schabbes" ein Stück „Barches" brachte und sich von ihm das „Vaterunser" lehren ließ, den Inbegriff der Vollkommenheit. Bei dem Bruder hingegen war dies anders; er hieß jetzt Moritz; aber nicht immer hatte er so geheißen. In seiner Kindheit hieß er Moschele. Und wie aus dem Moschele, welches mit dem Schnorrer Mendel Wilna nach „Jeruschulaim" gehen wollte, um die zerstörte Stadt aufzubauen, bei seinem Eintritt ins bunzlauer Gymnasium äußerlich ein Moritz geworden ist, so hat er auch innerlich eine merkwürdige Wandlung durchzumachen gehabt. Diese Wandlung schildert uns der Dichter in ihren bedeutendsten Stadien. Auch er war auf dem Sprunge, sich von der Religion seiner Väter abzukehren. Wir sehen dies deutlich in dem geringen Widerstande sowol, den er den Einflüsterungen seines Mitschülers Honza entgegenzusetzen weiß, als auch in der Hartnäckigkeit, womit er seinem Kost- und Quartiergeber Salme Floh gegenüber bei den von ihm vertretenen Ansichten stehen bleibt; am allermeisten aber in dem ironischen Lächeln, womit er die Schwärmerei seines ehemaligen Freundes und Führers, des Schnorrers Mendel Wilna, aufnimmt. Wir fürchten für ihn, denn mit jedem Schritt, den er vorwärts macht, sehen wir ihn einem Ziel entgegeneilen, welches kein anderes ist, als ihn der Religion seiner Väter zu entfremden. Aber er wird gerettet. Das brechende