Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 352 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Weisheitsvolles zu verkünden haben, betrachte die starken Augenbrauen, die mehr Kraft und Entschlossenheit verrathen, als sich von der fast schwächlichen Gestalt erwarten ließe, betrachte diese Augen in ihrer unergründlich tiefen Dunkelheit, wie sic seelisch dich anblicken und wieder träumerisch sich senken; sieh dies ganze Gesicht, dem das melancholische Ghettozeichen unverkennbar eingeprägt ist: hat dein Männchen im Traun:, wenn du dich zu erinnern fähig bist, auch nur um ein Haar anders ausgesehen?" „Bei Gott!" sagte mein erstaunter Freund, „wie er leibt und lebt, und wer ist dies?" „Hast du das Bild nie gesehen?" fragte ich; „erkennst du ihn denn nicht, den wunderbaren Schatzmeister, kennst du Kompert nicht? Leopold Komp ert, an dessen Schätzen wir beide uns so oft und so innig erfreuten?" „Jetzt fang' ich an zu verstehen?" sagte mein Freund, der nun erwachte, als ob er seinen merkwürdigen Traum eben erst geträumt hätte. „Nicht wahr", fuhr ich fort, „der versteht es, den Staub wegzublasen? nicht wahr, er hat die Wünschelruthe, um aus der dunkeln Höhle die Schätze ans Tageslicht zu fördern?" „Fahre fort", bat mich nun mein Freund, „erzähle nur den Lauf der letzten fünfundzwanzig Jahre genauer, ausführlicher, ich brenne vor Begierde, seine weitern Schicksale zu erfahren." „Geduld, mein Freund", beschwichtigte ich, „das soll dir keineswegs verloren göhen. Wir wollen uns nur die Schätze, die er heimgebracht und die er nun als ein wahrhaft reicher Mann aufgehäuft, ii: Augenschein nehmen. Sieh her! Hier ist die-Schatzkammer; betrachten wir einen Edelstein nach den: andern. Wir haben Zeit und Muße, und Gemüth und Geist werden bei der Betrachtung nicht leer ausgehen." II. Kam:: acht Jahre nach dem Beginn seiner Wanderung überraschte Kompert die Lesewelt mit einen: Büchlein unter dem unscheinbaren Titel: „Aus dem Ghetto". Dieses Büchlein hat aber schon nach zwei Jahren, also im Jahre 1850, die zweite Auflage erlebt: eiu Beweis, daß die darin erzählten Geschichten von „Judith der Zweiten", vom „Alt-Babele", „Schleimet", „Die Kinder des Randars", „Ohne Bewilligung" sowie die angehängten „Märchen aus dem Ghetto" einen Nachklang gefunden haben, der auf etwas mehr schließe:: läßt als auf die Befriedigung momentanen Lesebedürfnisses; den:: wahrlich, jene sturmbewegte Zeit, in welcher Kompert seine ersten Blätter aus dem Ghetto in die große Welt hinausflattern ließ, war gerade nicht danach angethan, eine neue literarische" Richtung, die zu dem politischen Tagesinteresse in sehr untergeordneter Beziehung stand, kräftig zu fördern. So muß dem: der Werth dieser Geschichten in ihnen selbst liegen, und so ist es auch. „Judith die Zweite" ist eine erschütternde Darstellung aus den: preßbnrger Ghetto. Die Geschichte spielt in der sogenannten „Franzosenzeit" und entrollt uns, wie dies schon der Titel errathen läßt, das Bild eines Mädchens, welches für die Errettung eines Menschenlebens die Jungfräulichkeit zun: Opfer bringt. Hier hat Kompert aber ein bischen Staub wegzublasen vergessen; denn der großen Judith Heldenthat, das Opfer ihrer Jungfräulichkeit für die Errettung ihres Volks, erscheint uns erst dadurch in ihrer wahren Größe, daß die Heldin tragisch untergeht. Man denke sich Judith nach den: Tode des Holofernes im befreiten Bethulien in einen: schönen glücklichen Dasein, wenn man diesen Gedanken überhaupt zu verwinden vermag, und es, ist ihrer Heldenthat die Spitze abgebrochen. Nicht, daß die That au sich kleiner wird, aber die Größe des Charakters ist verwischt und die Poesie ist von demselben hinweggeblasen. Kompert's „Blümele" aber, welche durch ihren nächtlichen Besuch bei dem französischen General den: zum Tode verurtheilten Leb Rother das Leben rettet und von ihren: Bräutigam Chaim Franzos die Schmach des „Moßeres" wegwischt, heirathet ihren Chaim und wird „ein altes" Mütterchen, das noch jetzt roth wird