Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 351 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Leopold Kompert. 351 Thüre seines Hanfes öffnete, das ist leicht zu begreifen. Nachdem er aber zwei Jahre in dieser Sorglosigkeit zugebracht, war er da nicht ganz in dem Fall jenes von der Krankheit Genesenen, nicht in dem Fall jenes Gesättigten, dessen ich früher erwähnte? Und sollte er da noch weiter rnhig sitzen bleiben, wenn cs ihn mit mächtigem Drang Hinaustrieb? Aber, er hätte bedenken sollen, daß er eine wenigstens für den Moment sichere Existenz aufgab gegen die Ungewißheit des Wanderlebens! Was gibt es da zu bedenken? Haben wir denn vergessen, daß er niemals ein guter Rechner gewesen ist? „So zog er denn hinaus; es war im Jahre 1840." Mein aufmerksamer und theilnehmender Freund schiel: über das Wagestück des jungen Manns beunruhigt. Eine düstere Wolke lagerte sich auf seiner Stirn, und mit ängstlicher Spannung schien er des Ausgangs dieser abenteuerlichen Fahrt zu harren. Ich bemerkte dies. Er sprach zwar kein Wort, aber sein düsteres Schweigen war für mich beredt genug. Ich mußte ihn aus dieser peinlichen Lage befreien. „Du bist ängstlich," sagte ich deshalb, „wie es unserm lustigen Wandersmann ergehen werde. Du willst mir sagen, daß wir jetzt das Jahr 1865 zählen, und möchtest rasch wissen, was sich in den verflossenen fünfundzwanzig Jahren mit ihm zugetragen. Aber, weißt du es denn nicht? Hast du es denn nicht selbst gesehen, nicht selbst erlebt? ja, hast du mir es nicht vorhin selbst erzählt?" Mein Freund sah mich mit dein Ausdruck der größten Ueberraschung cm. Ich aber ließ ihm nicht Zeit, sich lange in ängstlichen Zweifeln zu quälen. „Hast du deinen merkwürdigen Traum vergessen?" fragte ich. „In diesen fünfundzwanzig Jahren hat dieses Männchen die Wanderschaft vollbracht, die du mir vorhin geschildert. Er ist nicht wie ihr andern auf der großen Heerstraße - geblieben; denn aus dem Kind, mit dem man ganz besonders reden mußte, ist auch ein Mann geworden, der seine absonderlichen Gedanken hatte. Er ist oft abseits gegangen und hat sich für Dinge interessirt, die für euch keinen Reiz zu haben schienen. Er hat da manches alte Stück Trödelwerk, manches, was ihr für nichts als harte Kieselsteine gehalten, mit seligem Entzücken betrachtet und hat erkannt, daß hiervon nur der Staub .weggeblasen zu werden braucht, um das veraltete Ding in seiner vollen leuchtenden Schönheit vor sich zu haben. Er ist scheinbar hinter euch andern, die ihr nur den Ruf «Vorwärts» vernähmet, zurückgeblieben, denn er hat an alte, in Schutt vergrabene Dinge, an die keiner von euch gedacht hat, sein volles Herz verschenkt und hat mit Liebe und mit der ganzen Tiefe seines reichen Gemüths sich versenkt in die Betrachtung der nur ihm erkennbaren Kleinodien. Er ist aber darum hinter euch nicht zurückgeblieben, sondern war euch immer noch voraus, denn auch sein Geist war berührt von dem Flügelschlag einer neuen vorwärts drängenden Zeit. Er ist in die dunkle Höhle hinabgestiegen, vor der euch eine unerklärliche Furcht und Angst anwandelte, und als ihr ihn wiedersahet, da war er der reiche Mann, der sich seine Schätze geholt hatte und der den vollen Reichthum, den er erwarb, nun vor euch hingeschüttet." „Aber von wem sprichst du denn?" fragte mein Freund, „du verwechselst ja zwei verschiedene Personen miteinander. Ich will die Geschichte von deinem münchengrätzer Knaben hören, und du erzählst mir ineinen eigenen Traum!" „Begreifst du denn nicht", wußte ich meinen etwas begriffsstützigen Freund belehren, „daß hier gar kein Unterschied, daß diese zwei Personen nur Eine Person, und daß hier immer nur von Einer Person die Rede. So komm hierher und schan dir dies Gesicht an. Diese längliche Form, die scharf und bedeutend hervortretende Nach, fast zu groß für die sonst kleine Statur, sich diese hohe Denkerstirn, der man wohl amnerkt, daß sich hinter derselben so mancher Gedankenproceß vollzogen, sieh den geschlossenen Mund mit den dünnen feinen Lippen, die sich nur dann aufthun, wenn sie etwas Sinniges und