Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 350 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Jllustr. Monatsh. für die ges. die's verstand, wie man mit dem Kinde reden darf. Er wußte damals nicht, daß er sic zum letzten mal sah. „Mit dieser Wanderung war aber vorerst weiter gar nichts erreicht, als daß aus dem Prager Studenten ein wiener Student geworden war. Wie cs einem jungen Menschen geht, der unbekannt mit der Welt und dazu mit leerem Beutel nach Wien kommt, das weißt du ja ebenso gut wie ich; das haben wir beide ja auch durchge«acht. Und warum sollte cs ihm gerade anders gehen? Er kann aber noch von Glück sagen, denn seine Lehr- und Prüt fungszeit dauerte nicht gar zu lange; er zog in das Haus eines Kaufmanns, wo er fünf Knaben zu unterrichten hatte, als Lehrer — die gebildeten Leute nennen das Hofmeister —, und so war er wenigstens der drückenden Nahrungssorgen enthoben; denn was braucht ein junges Gemüth mehr als die Befriedigung der nöthigsten Bedürfnisse! Er aber bekam monatlich sogar noch 30 Fl. in die Tasche. Freilich war sein ältester Schüler nur um zwei Jahre jünger als er selbst, und viel Zeit zum Studiren ließ ihm die aufreibende Thätigkeit nicht übrig, aber eine eigene Herzensfreudigkeit, die man selbst empfunden haben muß, um sie zu verstehen, ist es doch, wenn der Mensch sich sagen kann: Ich stehe jetzt auf meinen eigenen Füßen und die Aeltern brauchen sich um mich keine Sorgen zu machen. Und so etwas konnte er sich doch;etzt mit vollem Recht sagen. „Wenn ein Mensch krank ist, so hat er nur Einen Wunsch, nämlich gesund zu werden. Daß es Menschen gibt, die auf der lieben Welt herumjagen, um Glücksgüter und Ehrenstellen zu erlangen, das kann er gar nicht begreifen. Warum jagen sie nur so ängstlich, und was wollen sie? Sind sie dockfrisch und gesund! Jagen sie nicht leeren Phantomen nach? Wenn ein Mensch Noth leidet, wenn er nichts zu essen und kein Plätzchen hat, wo er des Abends sein müdes Haupt hinlegen soll, so hat er nur Einen Wunsch, den nämlich, den Hunger zu stillen und das müde Haupt zur Ruhe zu legen. Und wieder schöpft er tiefe Weisheit aus Interessen des Judenthums. dem sonderbaren, ihm unbegreiflichen Treiben der Menschen, die nicht ruhen und rasten und rennen und jagen, gerade als ob das Leben davon abhinge, der eine um dies, der andere um jenes zu erreichen, Schätze auf Schätze zu häufen oder Ruhm zu erwerben und die Leute von sich reden zu machen. Was wollen sie, was rennen sie? fragt der Hungernde. Haben sie nicht Brot satt zu essen? und schlafen sie nicht auf weichem Pfühl? Ist es möglich, daß ein Mensch so thöricht sein kann, ein Hirngespinst für etwas Wirkliches zu halten und etwa in der Erreichung eines Ordens das ersehnte Glück zu sehen, während er doch die Hülle und Fülle hat, dessen ein Mensch bedarf? Laß aber erst so einen Kranken wieder gesund werden und verschaffe dem Hungrigen sein tägliches Brot, daß er sich darum nicht mehr ängstlich bekümmern und fragen muß: wo und wie werde ich mich heute sättigen? und du wirst deine blauen Wunder erleben, was mit so einem Menschen für eine Wandlung vorgeht, und wenn er dir mcht über Nacht wie völlig ausgewechselt vorkommt, so habe ich in meinem Leben mich auf das menschliche Herz nicht verstanden und will auch niemals wieder ein Wort darüber verlieren. „Diese Bemerkungen habe ich nicht umsonst geinacht, denn du wirst es jetzt, wenn du mir beistimmst, unserm jungen achtzehnjährigen Vögelchen, welches in dem hofmeisterlichen Käfig eine gewisse Enge empfand, nicht übel nehmen, daß es eines schönen Tags die Flttgelchen regte und auf und davon flog. Freilich, so lange der Student in der wildfremden Kaiscrstadt nichts anderes zu thun hatte, als den Stephansthurm zu bewundern und sich zu sagen, wie klein sich ein Mensch neben dieser Größe ausnimmt, solange alle Menschen, die da mit lächelnden Gesichtern an ihm vorbeigingen, kein Lächeln für ihn hatten, da sic eine Sprache redeten kalt und nicht wie die, die man mit den: Kinde reden darf: da hatte er selbstverständlich keinen andern Wunsch, als den Klippen der materiellen Noth zu entrinnen, und wie er froh sein mußte, als ihm jener Kaufmann freundlich die