Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 349 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leopold Kompert. 349 Knaben tief ins Herz schnitt? Dazu kam aber noch ein anderer Schmerz. Die Vermögensverhältnisse der Aeltern^ die bisher in behaglichem Wohlstände gelebt hatten, erlitten einen Stoß; sie waren ziemlich zerrüttet. Mehr bestrebt, den guten, unbescholtenen Namen als einen Theil der Wohlhabenheit zu retten, opferte der rechtliche Mann, der Vater unseres Knaben, den letzten Kreuzer, um seine Verbindlichkeiten zu erfüllen. „Wer dabei am meisten litt, war vorerst die Mutter. Denn das Studiren kostet Geld, und wird sie dies auch erschwingen können? Der Knabe aber, das Hab' ich dir ja gesagt, der . war gar nicht so wie andere Kinder, er hörte einmal bei Nacht seinen Vater tief seufzen, er hörte, wie die Mutter den Erschütterten zu trösten versuchte. Rasch begriff er, daß die lähmende Sorge es sei, die sich an des Vaters Bett geschlichen hatte, und rasch ist aus dem Knaben ein Mann geworden. Was sorgt ihr um uns? fragte er. Ich und mein Bruder (dieser ftudirte auch) sind alt genug, um für uns selbst sorgen zu können. Ich gehe nach Prag, dort werde ich mich weiter fortbringen; von nun an nehme ich gar nichts mehr von euch. „Und das hat er auch so gehalten. Im Jahre 1836 ist er nach Prag gegangen, um daselbst die Erfahrung zu machen, wie rasch ein paar Scheingulden aus einein Ledertäschchen verschwinden. Da ist er nun zwei Jahre gesessen, vielleicht auch gelaufen, aber es hat nicht viel genutzt. Die Noth zeigte sich ihm in ihrer Schreckgestalt, und wenn es auch Menschen auf dieser Erde gibt, welchen eine solche Erscheinung nichts anderes ist als eine Herausforderung, den gewaltigen Kampf aufzunehmen, so muß man nur nicht blind sein und meinen, alle Menschen sind so beschaffen; noch weniger aber soll man ungerecht sein und verlangen, daß alle Menschen so geartet sein sollen. Der eine ist so und der andere ist so, und wie einer ist, so ist er. Ich sag' dir dieses nur, weil ich dir erzählen muß, daß unser Prager Student nicht zu denjenigen gehört, die sich mit dem Schicksal Herumraufen und mit ihm sozusagen auf einen «Niederwurf» gehen; er ist eine zarte Natur, die nur das nimmt, was in Ruhe und Frieden errungen werden kann, und durchaus nichts niit Gewalt. Du darfst nicht vergessen, was seine Mutter gesagt hat: Mit dem Kind darf man gar nicht anders reden. „Du kannst dir denken, daß er während dieser Zeit viel ausgestanden hat; denn, wenn er für den Unterricht, den er, beinahe selbst noch ein Kind, einigen Kindern gegeben, einen kärglichen Lohn erhielt, der seine nöthigsten Bedürfnisse zur Noth deckte, so bemächtigte sich hingegen seiner eine Abspannung, die ihn von dem eigentlichen Ziel, von seinen Studien nämlich, immer mehr entfernte. Die Äeltern konnten sich das gar nicht erklären, warum die Professoren von Prag die Backen nicht ebenso voll nehmen sollten wie die von Jungbunzlau, und warum sie in das Zeugniß keine solche Lobeserhebungen hineinschrieben wie diese. Wenn sie dieses Rüthsel dem Sohne nicht aufzulösen gegeben hätten, so würden sie ihn vor einer Sünde bewahrt haben, die, wie ich ihn kenne, gewiß noch heute auf ihn drückt; ist er denn wie ein anderes Kind, und meinst dir, er hat heute schon ganz vergessen, daß er damals neun Monate lang keine einzige Zeile nach Münchengrätz geschrieben hat? „Aber, Heil dem Kind, das von sich sagen kann: Dies ist die einzige Sünde, die ich jemals wissentlich gegen meine Aeltern begangen. „Er fühlte, daß er in Prag nicht nur nicht weiter komme, sondern daß er da zu Grunde gehe. Wien that sich vor ihm auf, dahin ging jetzt seine Sehnsucht. Nur Wien! Nur Wien! schrieb er seinen Aeltern und bat uni Billigung seines Entschlusses, die er auch erlangte. Mit seinen Aeltern völlig versöhnt, trat er im- Jahre 1838 im September zu Fuß die große Wanderung nach Wien an. Auf dem Rücken trug er seine Siebensachen in einem Ränzel und in der Hand die «Bezauberte Rose» von Ernst Schulze. Eine Frazz begleitete ihn eine Stunde weit von der Heimat; es war eine.