Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 5 (August 1865)
- Date
- 1865-08-01
- Page
- Seite 348 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Jllustr. Monatsh. für»die ges. ten in der Synagoge als Kinder unterrichten, ebenso gut einen starken Ochsen schlachten als Violine spielen; er verstand es so gut Bücher einzubinden als Kerzen zu gießen, und doch war er weder ein Buchbinder noch ein Seifensieder, sondern, wie gesagt, ein Tausendkünstler; am besten aber verstand er es, mit einem Enkelkinde umzugehen und in diesem die schlummernden Eigenschaften zu wecken, die in ihm verborgen lagen. So haben dir die Mutter und der Großvater das zu Wege gebracht, daß aus dem träumerischen Kinde auch ein merkwürdiger Mensch geworden ist. Und wenn du wissen willst, wer noch dazu beigeträgen hat, so erinnere dich an jene wunderlichen Gesellen ohne Heimat, an die »Schnorrer», die in der ganzen Welt umherziehen und am Sabbat im »Heldisch», in dieser durch die Mildthätigkeit der Gemeinden für sie bereit gehaltenen Schlafstätte, die Mühseligkeit einer überstandenen Woche vergessen. Zu ihnen hatte der Knabe eine große Neigung und konnte sich nicht satt hören an den Geschichten, die sie ihm erzählten. „Als der Knabe zehn Jahre alt war, that man ihn in die Fremde; man schickte ihn in das Gymnasium nach Jungbunzlau; so wollte es die Mutter ausdrücklich, denn der Knabe sollte etwas werden. Hast du einmal die „Odyssee" gelesen, so wirst du wissen, daß der herumirrende göttliche Dulder sich danach sehnte, nur den Rauch von dem geliebten Jthaka aufsteigen zu sehen, von dem er durch zwanzig lange Jahre fern gehalten war. „Wie kommt das daher? "fragte mein Freund. „Schau dir nur unfern kleinen Odysseus an, wie er von Jungbunzlau oft eine halbe Stunde weit nach Kosmanos hinausläuft, dort eine Höhe ersteigt, und warum? aus Sehnsucht nach der Heimat; dort kann er wenigstens den Rauch der Heimat erblicken; denn fern, wo der Rauch aufsteigt, lebt und webt die stillsorgende Mutter, dort schafft und lehrt der künstlerische Großvater, und dort erzählen auch, aber nicht ihm! die traurig-lustigen Schnorrer. Solche kamen zwar auch nach Jungbunzlau Interessen des Judenthums. hinüber; aber schickt es sich denn für einen Studenten, der bereits die lateinische Grammatik unter dem Arm trägt und amo, amure conjugirt, in die Schnorrerherberge hineinzutreteu? Das wußte eür Kamerad besser, der ihn mit barscher Warnung von solch ungeziemendem Schritt zurückhielt. „Und was meinst du, hat der Knabe fünf Jahre lang in Jungbunzlau gemacht? Alles hat er gemacht, nur nicht rechnen wollte er. Er ist eben keine rechnerische Natur gewesen; Berechnung lag nicht in seinem Wesen, sein Gemüth gab sich vielmehr reflerionslos, frei und offen den äußern Eindrücken hin. Und das haben ihm seine Professoren, die es bemerkten, auch ins Zeugniß hineingestellt. Der Knabe ist alles, nur kein Rechner, haben sie geschrieben. Wenn ihr ihn fragen werdet, was sich vor soundsoviel hundert oder gar tausend Jahren ereignet hat — gebildete Leute heißen das Geschichte —, da wird er euch eine Antwort geben, daß ihr staunen werdet; ja, wenn ihr ihm Bücher vorlegt mit ganz fremden Buchstaben, die gar keiner von euch versteht, weil sie lateinisch oder gar griechisch sind — die Gelehrten heißen das Philologie —, da sollt ihr einmal sehen, wie er sie euch übersetzen und den Sinn herausbekommen wird, aber gebt ihm um Gottes willen nur nichts zu berechnen; denn der ist im Stande und berechnet euch alle euere Wollsäcke und Hasenhäutchen so in die Welt hinein, daß ihr sie gar nicht mehr wiederkriegen und zeitlebens daran denken sollt. „Er machte sich aber nichts daraus und war glücklich wie in einem Paradiese. In dieser glücklichen Zeit erlitt er jedoch einen harten Schlag. Im Jahre 1835 starb sein Großvater, der Tausendkünstler, derselbe, der ihm den ersten Unterricht gegeben, der ihn auf seinen Wanderungen zu den in der Nähe von Münchengrätz wohnenden Bestandmännern oder «Randaren» mitgenommen und auf diesen Spaziergängen dem Knaben den Blick öffnete, daß er fähig wurde, in Gottes herrliche Natur und in das Treiben der Welt und der Menschen hineinzuschauen. Ist es ein Wunder, wenn dieser Verlust dem