Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 342 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Lebensgeschichte solcher Menschen, forschet nach AeLtern, Verwandten und sonstigen Personen, mit denen sie als Kinder und später Umgang gepflegt, und alles wird sich euch enträthseln. Soll ich also sagen, der „bewußte und absichtliche"-Unterricht, oder soll ich sagen, das Beispiel hat erzogen? Nicht blos die Erfahrung als solche wird das „Beispiel" als das wesentlichste und bedeutendste Moment der Erziehung bekunden, sondern vornehmlich der Umstand, daß diese Erfahrung mit den unverbrüchlichen Gesetzen der Kindesnatur in so inniger Beziehung steht als Wirkung und Ursache. Die Kindesnatur verhält sich der Schule gegenüber mehr Passiv als activ; was das Kind aufnimmt, muß es aufnehmen, weil es eben ein Muß ist. Wie sieht es aber beim Kinde mit der Anwendung der in der Schule empfangenen Lehren aus? Und daß der Unterricht nicht gerade auf die Zukunft des Kindes berechnet ist, sondern „Anwendung aufs Leben" schon in den Kinderjahren erheischt, wird wol niemand in Zweifel ziehen. Nun, die bizarresten Widersprüche sind nicht selten. Trotz aller Theorien ist das Kind durchaus nicht geneigt, die empfangenen Lehren aus freien Stücken in seinem Wirkungskreise in Anwendung zu bringen, und zwar so lange nicht geneigt, als es sich nicht vollkommen überzeugt hat, daß es ihm Lust gewährt oder Vortheile sichert. Leider tritt diese Ueberzeugung beim Kinde in den ersten Jahren nicht leicht ein. Hingegen ist es das oberste Gesetz der Kindesnatur, daß das Kind alles nachahmt, was es von Erwachsenen sieht. Daß dieses Nachahmen ein unbewußtes ist, was liegt daran? Hat es ja eben deshalb für sich, daß es sehr früh eintritt und die Kindesseele entwickelt, ohne daß vorerst jene Ueberzeugung in dem Kinde erwachen muß. (Vgl. meine „Biblische und moderne Erziehung", „Mannheimer-Album", S. 7t, Wien 1864.) Ein zweiter und ebenso bedeutender Vortheil dieses blinden Nachahmens ist es, daß die Eindrücke, die das Kind aufnimmt, bleibend sind und gar bald die - eigentliche Natur des Kindes ausmachen. Man findet diesen Nachahmungstrieb auch bei dem Erwachsenen wieder, mit dem Unterschiede, daß der Erwachsene eine stete Rücksichtsnahme auf das Object ' der Nachahmung verräth, dieses Object bewuhtermaßen bestimmt oder wenigstens bestimmen kann, und sich hierin von seiner Vernunft leiten läßt, die über das ihm Zweckdienliche dieses oder jenes Beispiels entscheidet. Das absolut Vollkommene wird selbst den Erwachsenen zur blinden Nachahmung anregen. Weit eindringlicher als alle sonstigen Aneiferungen spricht das „gute" Beispiel zum Erwachsenen, und weit mächtiger als aller Unterricht wirkt auf das Kind das Beispiel überhaupt; das Beispiel der Aeltern mehr als das anderer Personen. Nicht weil es seine Aeltern liebt, nimmt das Kind die Manieren derselben eher als die seiner andern Umgebung an, denn das Nachahmen des Kindes ist einmal ein blindes, unbewußtes, sondern weil es in dem Wesen des Kindes liegt, sich in erster Reihe die Manieren derer anzueignen, an welche es die Natur so mächtig gefesselt hat. Der Aeltern Beispiel drängt sich dem Kinde so ungestüm als Richtschnur für sein Thun und Lassen auf, daß bei dem starken Nachahmungstriebe des Kindes ein Widerstand von außen fast undenkbar ist, eine um so bemerkenswertere Thatsache, als die directen älterlichen Lehren und Vorschriften oft spurlos an dem Kinde vorübergehen. Bei solcher Sachlage ergibt sich von selbst für die Aeltern die Nothwendigkeit und Pflicht, ihren Kindern ein gutes Vorbild zu werden; ihre Worte und Handlungen sollten stets so beschaffen sein, als wären sie berechnet, dem Kinde ein nachahmungswerthes Beispiel zu sein, und zwar nicht blos in ihrer Stellung als Aeltern, sondern auch in ihrem Verhältnisse als Mann und Frau, als Verwandte und als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Welche nachtheiligen Folgen für die Entwickelung des kindlichen Charakters hat beispielsweise die Disharmonie in der Che oder der despotische Geist, der sich in der Behandlung des Dienstpersonals so oft bemerkbar macht! Ahmt das Kind nun wirklich seine Aeltern nach, so wird der Charakter der letztern ein Zukunstsspiegel des Kindes, und der Charakter dieses der Mahstab für die moralische Capacität der Aeltern sein. Daß dem so sei, lehrt wiederum die Erfahrung; die etwaigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Allerdings kommen solche Ausnahmen vor: gute Aeltern haben zuweilen schlechterzogene, charakterlose Aeltern zuweilen guterzogene Kinder. Die Lösung liegt nahe, sie kann nur in dem Verfahren der Aeltern gesucht werden. Entweder haben die Aeltern das Kind mehr in den Händen anderer als in ihrem eigenen Umgänge belassen, oder sie waren zu indifferent, als daß die Licht- oder Schattenseiten ihres Charakters sich zu Objecten der Nachahmung in einem Grade ausgeprägt hätten, als es das Verhältnih der kindlichen Natur zu dem nachzuahmenden Gegenstände bedingt. Eine Störung in der naturgemäßen Entwickelung des Kindes kann hier nur in den seltensten Fällen angenommen werden; nur gewichtige äußere Momente werden zu verhindern im Stande sein, daß das von dem Beispiele der Aeltern Aufgenommene mit der Individualität des Kindes nicht gleichen Schritt halte. Wer wollte auch die Ausnahmen bestimmen, wenn die Einflüsse auf das kindliche Gemüth unübersehbar sind! Ueberdies ist ja das Beispiel der Aeltern allerdings auch nicht allmächtig.