Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-07-01 · Heft 4 (Juli 1865) · p. Seite 327

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 4 (Juli 1865)
Date
1865-07-01
Page
Seite 327 (sequence 63)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417810--339-2418178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Recensio nen. 327 wie der Verfasser sagen kann, daß sich Jesus als den Gesetzgeber der Gesinnung dem Moses als dem Gesetzgeber für das bloße äußere Handeln gegenüber- oder vielmehr als denjenigen über ihn stellt, der das von jenem gegebene Gesetz des Buchstabens geistig zu vollenden gedenke. Der Herr Verfasser ist auch noch von dem abgedroschenen Vorurtheil befangen, daß „Jehovah im Alten Testament ein zorniger, streng und weit hinaus vergeltender und strafender Gott sei"; daß „Gott im Verhältniß zu den Menschen überhaupt als Vater zu betrachten, eine dem alten Testament fremde Vorstellung" sei, daß „das Böse nur durch Gutes, den Feind nur durch Wohlthun zu überwinden ein Grundsatz war, der aus der innersten Stimmung seines eigenen Herzens floß" (S. 206). In der That kann man sich nicht genug verwundern, wie der Redner dazu kam, zu behaupten, daß im Gesetz gesagt sei: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen", da dock das gerade Gegenteil der Fall ist (s. 6 M. 19, 17. 18; 2 M. 23, 4; Spr. Sal. 25, 21). Daß man vollkommen sei, gleichwie der Vater im Himmel vollkommen ist, dieser Passus der Bergpredigt steht auf den ersten Blättern des Pentateuch verzeichnet. Daß man nicht mit Wohlthütigkeit und Frömmigkeit prunke, daß man nicht im Beten schwatze, das Fasten nicht zur Schall trage, diese Warnungen der Bergpredigt waren in allen Drten und Zeiten am Platze. Daß mail nicht übermäßig'Sorge trage für den Bedarf des Leibes, sich nicht in die gewerblichen Arbeiten übermäßig versenke, ist eine bekannte angemessene Mahnung; sie wird aber zur gefährlichen Uebertreibnng, sobald sie jede Arbeit und Sorge für das Nothwendige des Lebens zurückweist. Der Verfasser sagt S. 207: „Sind die Menschen in ihrem Verhältniß zu Gott seine Kinder, so sind sie im Verhältniß zueinander Brüder (Matth. 5, 22), und Hieralls ergibt sich für ihr Verhältniß untereinander eine Gleichheit, die uns verpflichtet, gegen den andern uns nicht anders als gegen uns selbst, nicht ihn streng, uns selbst aber nachsichtig zu! richten (Matth. 7, 3), überhaupt ihn immer nur so zu behandeln, wie wir von ihm behandelt zu werden wünschen (Matth. 7, 12). Mit Recht hat inan auf diese Vorschrift als auf das eigenthümliche Moralprincip des Christenthllins immer besonderes Gelvicht gelegt." (Schluß folgt.) Lee - Soreh. Im Verlag von Herzfeld und Bauer in Wien ist eine kleine Novität erschienen, die der travestirenden uud parodirenden Dichtungsart angehört: „Lee-Soreh" nach Bürgers „Leonore". Man mag von der ganzen Dichtungsart, die hier in NeLe steht, halten was man will, man mag ihr immerhin vorwersen, daß sie, aller Selbständigkeit entbehrend, wie eine Schmarotzerpflanze von dem Fett und Mark anderer Dichtungsgeschöpfe ihr unselbständiges Leben fristet: man wird aber darum doch einzelnen Erscheinungen derselben Gerechtigkeit widerfahren lassen dürfen, wenn sie aus der gewöhnlichen Manier hervorragen, und ebenso wird man nicht leugnen können, daß die Travestie und Parodie doch auch schon manches Erheiternde und in dieser Art Treffliche zu Tage gefördert haben. Es gibt wie in der Religion so auch in der Kunst neben der wahren Andacht und Pietät eine falsche Andacht, eine Art Pietismus; der künstlerische Pietismus kann darüber freilich nicht genug in ästhetische Entrüstung gerathen, daß gerade die bedeutendsten Meisterwerke — Wie er sich ausdrückt — in den Koth herabgezogen und profanirt werden. Der Kunstheuchler mag sich trösten und kann versichert sein, daß der travestirende oder Parodirende Dichter — vorausgesetzt, daß solcher wirklich dichterische Begabung hat — die Tiefe und Erhabenheit des von ihm benutzten Stoffes mindestens ebenso wol zu er fassen vermag als er. Wie die Poesie der Blume nicht verloren geht, wenn nun auch der Botaniker dieselbe entblättert und die einzelnen Staubgefäße analhsirt, wie ein Blick auf die lebendige Blume hinreicht, uns ihre volle Schönheit wieder empfinden zu lassen: also geht auch von dem parodirten Meisterwerke kein Atom verloren, wie herzlich wir auch über die Parodie lachen mögen. Hebbel's „Judith" und Wagner's „Tanhäuser'; werden darum nicht mindern Eindruck auf uns machen, weil wir uns etwa im Karltheater bei Nestroy's Parodien dieser Stücke eine Stunde verkürzten. Tie „Glocke" von Schiller ist unzähligemale parodirt worden: Schillert Gedicht hat darum in den Augen keines Gebildeten etwas von seinem Werth verloren. Die hier in Rede stehende Travestie der „Leonore" ist von dem Verfasser des „Gutsteher" (nach Schiller's Bürgschaft). Ter Verfasser hat eine ganz eigenthümliche, ini jü-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.