Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 319 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Recensionen. 319 und auslegen. Einige frühere Versuche protestantischer Theologen bei einzelnen Stücken der Heiligen Schrift abgerechnet, wurde sie zuerst von De Wette auf den ganzen Pentateuch und andere historische Stücke des Alten Testaments, und von Strauß in seinem „Leben Jesu" (Tübingen 183ö) auf die vier Evangelien und die Apostelgeschichte angewendet. Beide erklären "die Geschichte des Alten und Neuen Testaments, namentlich soweit sie Wunder und Weissagungen enthält, für Mythen oder Volkssagen, welche das jüdische Volk in Bezug auf Moses und die erstell christlichen Gemeinden in Bezug auf Christus erdichtet und denselben beigelegt hätten, um ihre religiösen Ideen unter dem Bild von Wundergeschichten und andern übernatürlichen Dingen auszudrücken oder zu symbolisiren, und stellen die Regel auf: daß man die Heilige Schrift mythisch auslegen, d. h. die unter den Wundern und andern übernatürlichen Dingen verhüllteil Ideen des jüdischen Volks und der christlichen Gemeinden herauSsnchen sollet So findet z. B. De Wette in Abraham nicht eine Historische Person, sondern unter ihm das Ideal der Religiosität und unter Moses das Ideal eines theokratischen Herrschers versinnbildet, und Strauß unter dem Tode Christi die Idee der Negation der Natürlichkeit und Sinnlichkeit. Sie verwerfen also mit Kant die Geschichte für die Exegese, jedoch so, daß dieser blos keinen Gebrauch davon machen will, sie aber so, daß man keinen Gebrauch mehr davon machen kann. Die speciellen Weissagungen jedoch lassen sie als Geschichte gelten, aber als solche, die erst nach dem Erfolg ausgeschrieben oder verändert worden sei Die biblischen Geschichten könnten nicht Mythen sein, wenn ihre Verfasser den von ihnen erzählten Begebenheiten gleichzeitig gelebt hätten und selbst mithandelnd gewesen wären; allein sie suchen durch innere Gründe, hauptsächlich aus Widersprüchen der Verfasser, die Unechtheit der nach ihnen genannten Schriften zu beweisen. Bei ihrer mythischen Auslegung kommen sie dahin, daß Strauß, welcher der Hegel'schen Philosophie zugethan ist, Christum wol als vorhanden, dagegen in den Aposteln und ersten christlichen Gemeinden nur anticipirte Schüler Hegel's findet. Vor dreißig Jahren hat Strauß nachgewiesen, daß die Berichte über das Leben Jesu nur Sagen enthielten, die sich an Messiaserwartungen oder an alttestamentliche Vorgänge knüpften; das Christenthum, dem doch Rechnung getragen werden muß, sei die populäre Hegel'sche Philosophie, und dem sogenannten Stifter der christlichen Religion gebühre nur der Cultus eines Genius der religiösen Innigkeit. Strauß' Genialität rief natürlich eine erscbütternde Bewegung und ries die kritischhistorische oder die Tübinger Schule hervor. Das Haupt derselben, Baur, zeigte, daß das Christenthum das Product eines Entwickelungsprocesses, ein historisch Gewordenes sei, welches sich innerhalb mehrerer Jahrhunderte herausbildete, und nicht Christus und nicht die Apostel, sondern Paulus der Repräsentant des gewordenen Christenthums sei. Aber diese Schule hatte es nicht versucht, das Bild des Stifters zu zeichnen; ein solcher Versuch war in der Thal beinahe unmöglich, weil die verschiedenartigen evangelischen Berichte zu sübjectiven Dichtungen und Erdichtungen herabsanken. Dieser Arbeit hat sich nunmehr der geistreiche und geniale Strauß von neuem auf eine allgemein verständliche Weise unterzogen. Der französische Gelehrte Renan lieferte den Anfang einer solchen Arbeit, aber mehr poetisch als historisch-kritisch; der deutsche große Forscher liefert ein Ganzes, das vom Geiste tiefer Forschung durchweht ist. Bei Renan ist Jesus ein Kämpfender, Ringender, mit sich Zerfallener; bei Strauß eine consequente Persönlichkeit. Weil jedoch vorliegendes Buch für das Volk bestimmt ist, ist es nicht eine neue Auflage der kritischen Bearbeitung des Lebens Jesu, sondern ein neues Buch, worin von dem alten außer den Grundgedanken nichts anzutreffen ist. Den Zweck des Buchs bezeichnet der erleuchtete Verfasser: nicht eine vergangene Geschichte zu ermitteln, vielmehr dein menschlichen Geiste