Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 317 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Recensionen. nen nach dieser Ansicht auch die Verfasser der Heiligen Schrift in Sachen des Glaubens oder der Religion nicht als verschiedene Organe eines gemeinsamen Geistes betrachtet werden, welcher durch sie gesprochen hätte, sondern jeder nur als Organ seines eigenen Geistes, und das von ihnen Mitgetheilte nicht als ein ihnen Gegebenes, nicht als ein Objektives, sondern als ein von ihnen selbst Erzeugtes, als ein Subjectives. Sie können daher auch in Betreff der Religionslehre nicht als solidarisch zusammenstehend, d. h. sich nicht als wechselseitig ergänzend und erläuternd, nicht als Theile eines Ganzen, sondern müssen als voneinander getrennt und selbständig betrachtet werden. Da also der Vernunftglaube oder Rationalismus, wie man ihn auch nennt, seiner Natur nach subjectiv ist, so muß auch die vernunftgläubige Exegese subjektiv sein, d. h. sie muß jeden einzelnen heiligen Schriftsteller in seinen einzelnen Religionslehren so auslegen, wie sie von ihm vorgetrageu sind und mit seinem speciellen Retigionsshstem übereinstimmen. Der Rationalismus siegte in Deutschland schnell und leichten Kampfes, weil ihm das ursprünglich ausgestellte protestantische Auslegungsprincip zur Seite stand und die offenbarungsgläubigen protestantischen Theologen, durch dasselbe nur stets mit sich selbst in Widerspruch gerathend, gegen die rationalistischen nicht streiten konnten und durch die Macht der Consequenz jenes Princips in mehrfacher Hinsicht zum Rationalismus hinübergezogen wurden. Die Urheber und Hauptträger des Rationalismus und der rationalistischen Exegese sind folgende: Johann Salomo Semler, Immanuel Kant, Johann Gottfried Eichhorn, Professor Paulus, De Wette und Friedrich David Strauß. Semler war der erste unter den protestantischen Theologen Deutschlands, welcher sich dem Ansehen der symbolischen Bücher entzog und daher die ^imloZis. kiäoi bei der Auslegung der Heiligen Schrift verwarf, sich damit rechtfertigend, daß er als Professor der Theologie nicht auf jene Bücher verpflichtet worden sei; er strich ferner eine ganze Reihe Bü- :N7 eher der Heiligen Schrift aus dein Kanon, sich damit rechtfertigend, daß die Reformatoren auch mehrere, der Geschichte zuwider, aus dem Kanon gestrichen hätten, was daher auch jetzt noch jedem einzelnen in Bezug auf andere Bücher der Heiligen Schrift gestattet fein müsse, und stellte eine neue Auslegungsart aus. um diejenigen Lehren der Heiligen Schrift zu beseitigen, welche die menschliche Vernunft übersteigen. Kant gab jedoch erst den rationalisirenden Theologen einen festen Halt- und Zielpunkt dadurch, daß er in seiner Schrift: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft", die Vernuustreligion in ein System zu bringen suchte, die Moral für das Wesen der Religion überhaupt und der christlichen insbesondere erklärte und den Anhängern der Vernunftreligion den Namen „Rationalisten" beilegte. Eichhorn beförderte den Rationalismus dadurch, daß er in seiner „Einleitung ins Alte Testament" die zur Rationalisirung der Heiligen Schrift geeigneten kritischen und exegetischen Regeln aufstellte. Der oberste Grundsatz der Rationalisten ist die Annahme, daß es keine unmittelbare Einwirkung Gottes auf die geistige Welt gebe, daher auch keine von Gott geoffenbarte Religion, keine Weissagungen und keine Wunder. Hieraus machen sie für die Heilige Schrift die Folgerungen: daß die Verfasser derselben nicht von Gott inspirirt gewesen oder nicht aus Gottes Eingebung geredet, sondern nur aus eigener; daß ferner das Christenthum zwar manches Wahre über die Religion enthalte, dieselbe aber weder frei von Jrrthum, noch vollständig, und daß es daher der Reinigung bedürftig und der Vervollkommnung fähig sei. Um aber diese Grundsätze in die Heilige Schrift einzuführen, mußte erst das Göttliche und Uebernatürliche, welches dieselbe enthält, daraus entfernt werden, und zu diesem Zweck wurden die Regeln der höhern Kritik und Exegese angewendet, nach welchen entweder die Heiligen Bücher oder einzelne Theile derselben, welche Göttliches und Uebernatürliches enthalten, für unecbt oder