Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-07-01 · Heft 4 (Juli 1865) · p. Seite 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 4 (Juli 1865)
Date
1865-07-01
Page
Seite 314 (sequence 50)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417810--326-2418165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

314 Jllustr. Moiratsh. für die gef. mindesten bestritten werden; wir anerkennen nicht nur seine bedeutende Begabung, sondern erfreuen uns herzlich an derselben; aber es fällt niemand plötzlich vom Himmel herunter, noch steigt er fertig aus der Erde hervor; es ist jedermann ein Kind seiner Zeit, und so eigcnthümlich geartet kann keine Natur sein, daß sie sich den bestimmenden Einflüssen ihrer Zeit gänzlich entziehen sollte. Auerbach und Hebbel haben auch ihre Vorgänger. Auerbach ist nicht der Vater der Dorfgeschichte und Hebbel nicht der erste, der ein biblisches oder sociales Drama geschaffen. Es hat vor Auerbach einen Jmmermann gegeben, und Gutzkow schrieb vor Hebbel's Auftreten seinen „König Saul". Aber wenn heutzutage von einer Dorfgeschichte die Rede ist, so kann man an Auerbach nicht vorbei, denn dieser hat sich des Genre am meisten angenommen, und wenn uns jemand ein biblisches Drama vorführt, so werden wir heute nicht mehr an Gutzkow's „Saul", sondern an Hebbel's „Judith" anknüpfen müssen, weil Hebbel es ist, der sich der biblischen Tragödie am großartigsten bemächtigt. Es wäre von uns ein sehr exclusiver Standpunkt, wenn wir Ludwig blos als Dichter der „Makkabäer", als welchen wir ihn in der Ueberschrift bezeichnten, wenn wir ihn blos von der Seite betrachten wollten, nach welcher er eine directc Beziehung zum Judenthum aufweist. Es wäre einseitig bei jeder dichterischen Persönlichkeit, weil das Bild einer solchen niemals ans Einer Production, sondern nur aus allen ihren Schöpfungen heraus klar erkannt und wiedergegeben werden kann. Ludwig gegenüber wäre cs aber nach unserm, allerdings etwas alleinstehenden, Dafürhalten ganz ungerecht; denn wir vermögen gerade in den „Makkabäern" nicht jene Bedeutung zu erkennen, zu welcher sie allerorten emporgeschraubt wurde; uns erscheint die eigentlich schaffende Potenz Ludwig's in keinem seiner Producte geringer zu sein als eben in dieser Tragödie. Fordert also die Kritik überhaupt schon ein Entgegenhalten fämmtlicher Werke eines Dichters, wenn dessen literarisches Porträt getroffen . Interessen des Judenthums. werden soll, so verlangt es in diesem speciellen Fall auch noch die Billigkeit und die Pietät, die wir dem Hingeschiedenen zollen, mn so mehr. Wenn man die „Makkabäer" mit dem „Erbförster" zusammenhält, so wird kein Mensch leugnen, daß der Conflict in dem erstem Drama ein viel tieferer ist. In den „Makkabäern" befindet sich die Heldin, die Mutter der Heldensöhne, im Streit zwischen Mutterliebe und Religion. Die Religion tritt als Leidenschaft auf und besiegt das andere Gefühl. Im „Erbförster" dagegen ist das Motiv, auf welches die ganze Handlung gebaut ist, ursprünglich nachts anderes als eine Caprice. „DerWald wird durchforstet" — „der Wald wird nicht durchforstet" — Eigensinn kämpft gegen Eigensinn. Dieser Wahrheit werden wir uns keineswegs verschließen. Aber was der Dichter aus den beiden ihm zu Gebote gestandenen Motiven gemacht hat, die Größe, welche er aus der unscheinbaren Rechthaberei zu entfalten, die tragischen Consequenzen, die er ans einer anfänglich kaum beachteten Laune zu folgern weiß, die Kleinheit andererseits, zu der er ein so gewichtiges Motiv wie die religiöse Leidenschaft herabdrückt, bestimmen uns, dem „Erbförster" einen Rang anzuweisen, an den die „Makkabäer" niemals hinanreichen können; je reicher der Dichter bei dieser Tragödie vom Hause ausgegangen, desto ärmer ist er am Schluß angekommen, während er im „Erbförster" sich von -unansehnlicher Dürftigkeit zu reichster Macht und Fülle emporschwingt. „Die religiöse Leidenschaft", sagt Chateaubriand, „wirkt um so stärker, da sie mit allen andern im Widerspruch steht und, um bestehen zu können, dieselhen verschlingen muß." Ja, dann gehört aber auch zur Darstellung derselben eine tragische Kraft ersten Ranges, während ein auch sehr bedeutendes Talent an dieser Klippe kläglich scheitern muß. Die religiöse Leidenschaft ist eben eine Flamme, die wächserne Flügel schmilzt, und derjenige, welcher derselben sich bediente, fällt ermattet zu Boden. Hören wir z. B. folgende Stelle aus Corneille,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.