Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 312 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Jllustr. Monatsh. für die ges. Exulanten geworden, ist somit eine offene geblieben, deren Beantwortung ich wenigstens versuchen will. Daß ein Theil der zehn Stämme in Samarien geblieben, ist natürlich, da es nicht wohl möglich, daß ein Eroberer ein ganzes Volk wegführe, ohne daß einzelne in dem eroberten Lande zurückblieben. Der religiöse Zustand im Reiche Israel in der letzten Zeit seines Bestandes könnte wol auf die Vermuthung führen, daß sich die Exulanten sogleich in der ersten Zeit ihrer Ansiedelung in der Fremde völlig unter den Heiden verloren. Dagegen spricht jedoch der schon in den einleitenden Worten dieses Artikels erwähnte Umstand, daß die Propheten Jeremias und Ezechiel in ihren Reden sehr oft die Hoffnung aussprechcn, es werden ihrer viele noch einmal, durch Leiden gebessert, als würdige Diener Gottes zurückkehren. Ja, Jeremias hofft von Israel beinahe mehr als von Juda. Dies wäre aber sicherlich nicht der Fall gewesen, wenn von den Verbannten gar keine günstige Nachricht nach Judäa gelangt wäre. Es kann auch nicht gefehlt haben, daß es unter den' Exulanten in Assyrien manche gab, die schon im Vaterlande Gott einigermaßen treu geblieben waren und nun in der Fremde das erfahrene Schicksal als eine Strafe des Abfalls von Gott betrachteten, auch ihren Leidensgenossen als solche darstellten und dadurch auf viele vortheilhaft einwirkten. Die Nachkommen der Bessern und Gebesserten unterließen cs gewiß nicht, als die Nachricht von der den Judäern von Kyrös ertheilten Erlaubniß zur Rückkehr zu ihnen drang, die Theilnahme an der Rückkehr zu betreiben. Aaß dies bei der später» Rückkehr unter Esra der Fall gewesen, erzählt schon Josephus. Er sagt: „Esra las den erhaltenen Brief (von Artachschasta dem . Interessen des Judenthums. Esra ausgestellt, Esr. 7, 11) den in Babel anwesenden Juden; eine Abschrift davon sandte er an alle Volksgenossen in Medien. Diese waren hocherfreut über des Königs Ehrfurcht vor Gott und seine Gewogenheit für Esra, und viele von ihnen nahmen ihre Habe zusammen und kamen nach Babel/um sich dem Zuge anzuschließen." Dies mochte allmählich und ohne viel Aufsehen geschehen, und wenn viele Judäer trotz der Befreiung im Osten zu bleiben vorzogen, dann gewiß noch mehr Nachkömmlinge der zehn Stämme. Diese im Exil Zurückgebliebenen, in denen das Bewußtsein der Abstammung nur sehr schwach gewesen sein mag und nach der Entfernung der Besserdenkenden gewiß bald völlig erlosch, vermischten sich mit den Mitbewohnern des Landes und gingen endlich ganz in denselben auf. Daß auch die Rabbinen Vermischung der Exulanten des israelitischen Reiches mit den sie umgebenden Völkerschaften annahmen, ergibt sich aus den Diskussionen, mit welchen die gleich im Anfänge angeführte Untersuchung über die Namen der Exilsgegenden im Zusammenhänge steht. Auf diesen Annahmen basirt auch der Ausspruch R. Akiba's: 1zvx r-chwr', „Die zehn Stämme werden nimmer zurückkehren." Jede weitere Nachforschung bleibt daher eine müßige und unfruchtbare. Der ebenfalls von R. Akiba auf diese Stämme angewandte prophetische Spruch: L->-wtri, „Ihr werdet untergehen unter den Nationen", ist an denselben wirklich in Erfüllung gegangen: den kleinen Theil abgerechnet, der in das Reich Juda gegangen, sind sie aufgezehrt; Juda aber blieb, blieb der Träger des geistigen Lebens, und mit seinein Namen wird nun benannt die Religion, die durch Jahrtausende siegreich auf dem Kampfplatze sich behauptet.