Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 283 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Karäer. 283 ser gastlicher Wirth, der uns mittlerweile mit Sorbet und vorzüglichen Trauben gelabt, klärt uns hierüber einigermaßen auf, indem er uns darauf hinweist, daß heute Sabbat ist, daß aber an Wochentagen die Seinigen einfacher gekleidet seien. Seine kleinen Knaben, die bisher etwas scheu im Winkel geblieben waren, wagen sich nun auch allmählich an uns heran; sie sehen hellte in Gold und Seide wie kleine Prinzen aus und übernehmen nach einigem Zureden mit Stolz die Aufgabe, uns zur alten Synagoge zu führen. Vorher machen wir dem greisen Chacham unfern Besuch. Er schließt sich uns an und geleitet uns zu der alten, mit silbernen Laiupen und Thorarollen prächtig ausgestatteteu Synagoge, wo bereits Beter versammelt sind, die ohne Fußbekleidung meist auf Teppichen sitzen. Nach und nach füllt sich der Raum llild der Gottesdienst beginnt mit dem Gesang des Borbeters. Nach Schluß der laugen Andacht zeigt uns derChacham eine Anzahl von werthvollen alten Manuscripten, die inan hier an heiliger Stätte aufbewahrt, aber erst in neuer Zeit historisch benutzt. Er zeigt uns den anstoßenden Garten, der amLaubhüttenfest benutzt wird, lind führt uns, da wir lins nach alten Inschriften erkundigen, durch die Stadt bis an eine steile Treppe, die zum Karäerfriedhose, nach dem palästinensischen Begräbuißplatze „Thal Josaphat" genannt, führt. Hier zwischen steilen Felsen, die die Hüter des Ortes sind, ruhen seit dem 14. Jahrhundert die Karäer vergangener Zeiten unter bemoosten, uralten Steinen, von deren Schrift wir uns das Leserlichste notiren, um heimischen befreundeten Gelehrten davon erzählen zu können. Auf der Rückkehr zur Stadt kommen wir wieder an der Synagoge vorbei, in welcher jetzt die Jugend zum Unterricht versammelt ist. Die Kinder lesen in den Büchern Mosis, geben uns aber in einer improvisirten Prüfung, die uns zu Ehren angestellt wird, den Beweis, daß ihre Erziehung sehr sorgfältig ist. Es sind hierunter manche erst fünf- bis sechsjährige Knaben, obgleich der Karäerknabe erst vom siebenten Jahre an, in welchem er der Frauenerziehung enthoben wird, aufhört ein Nasir (Geweihter) zu fein. Wir machen jetzt, begleitet von einigen Kaufleuten, einen Gang durch die Stadt und haben Gelegenheit, das gesetzte, fast in sich gekehrte Benehmen unserer etwas schweigsamen Gefährten kennen zu lernen, die schlicht und ohne besonders mit den bei Rabbaniten nicht seltenen Proben von Scharfsinn, Humor und Sophistik glänzen zu wollen, uns aus Verlangen von ihrer Beschäftigung und ihrem Leben erzählen. So erfahren wir, daß Geldwechsler unter ihnen nicht eristiren, daß sie vielmehr besonders Kleinhandel mit Landeserzeugnissen, Pferden, Vieh, Krümerwaaren und selbstgezogenen Feldfruchten betreiben. Fleiß, Rechtlichkeit und Friedfertigkeit sind die Richtschnur ihres Thuns und so allgemein, daß bei der strengen Gerichtsbarkeit, die der Ehacham übt, ein Streu zwischen Karäern noch niemals vor die weltlichen Behörden des Landes gekommen ist, ein Grund ihrer Beliebtheit bei der Regierung, durch deren Gunst sie vielfache Vorrechte lind Vorzüge vor den Rabbaniten genießen. Unsere Frage nach dem Armenwesen wird mit einem Kopfschütteln und der Bemerkung beantwortet, daß es Arme unter den Karäern nicht gibt. Jeder hat, wenn auch nur wenig, unveräußerlichen Grundbesitz und wird, falls er hülfsbedürftig wird, von den Genossen in seinem Beruf erhalten. Einige gelehrtere Mitglieder der Gemeinde, die sich jetzt mit uns beim Chacham einsinden, machen den Eindruck eines ungekünstelten, sittlichen Ernstes. Tie Art, wie sie miteinander gottesdienstliche Angelegenheiten besprechen und sich von jenem Greise Aufklärung über zweifelhafte Schriftstellen erbitten, spricht für ein großes Rechtsbewußtsein, einen kalten Verstand und zeigt eine taklvolle Ruhe, während die selbstverfaßten Dichtungen, die sie sich zur gegenseitigen Beurtheilung vorlegen, größtentheils nur das Verdienst metrischer Genauigkeit und interessanter Reimsügung haben, sonst aber in ihrem Ernst und ihrer 19*