Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 279 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Karäer. 279 gingen, theils im herrschenden Islam verschwanden. Auch der austretende Cultus der frühern karäischen Heroen war ein Sympton der Schwäche. Es bekundet Mangel an schöpferischer Begabung, wenn ein Volk sich begnügt, die Werke seiner Classiker zu durchstöbern und zu commentiren. So war es auch jetzt, wo die Karäer die Werke ihrer Altvordern auszunutzen begannen. Mit der Productionskraft ging die Strenge, mit dieser der Fanatismus verloren. Auch im Leben wurde das Verhältniß friedlicher. Die Verfolgungen durch Rabbaniten ließen nach, da diese keine Ursache mehr vor sich sahen, ja es begannen beide bisher so feindliche Parteien im Verkehr sich kennen und schätzen zu lernen. Von Karäern haben in dieser Zeit nur zwei größere Bedeutung. Der erste ist Ahron ben Joseph zu Konstantinopel, geboren 1250 zu Sulchat in der Krim. Derselbe war schon im Alter von 29 Jahren als Arzt, literarische Autorität und Chacham geschätzt. Als Exeget hatte er sich Jbn Esra zum Musterbild gewählt und wird deshalb der karäische Jon Esra genannt; epochemachend war in dieser Hinsicht seine „Auslegung des Fünfbuchs", welche für das 14. und 15. Jahrhundert Mittelpunkt des karüischen Schriftthums wurde. „Kurz und klar", das war sein Wahlspruch in Bezug auf die Form und den Sinn seiner Werke; prägnante Darstellung, Schärfe des Urtheils, geistreicher Stil zeichnen sie aus. Ein anderer, ebenfalls bedeutender Karärer jenes Zeitabschnitts war Ahron ben Elijja, geboren 1300 zu Kahira. War Ahron ben Joseph der karäische Jbn Esra, so konnte man Ahron ben Elijja den karäischen Maimuni nennen. Von seinen Werken ist besonders das „System der Neligionsphilosophie" oder „Baum des Lebens" (1340—46) der Grund seiner Berühmtheit, ein Werk, worin er die islamitischen Systeme und die seiner Vorgänger durchmustert, umgegen Maimuni, der ihm als Vorbild diente, zu polemisiren, indem er der aristotelischen Philosophie folgt. An dieses Hauptwerk schließen sich noch sein „Garten Eden" (Konstantinopel 1354) und sein „Pentateuch-Commentar", in denen er gleichfalls seine großartige Belesenheit und Gelehrsamkeit bekundet, während sein Stil die Klarheit der rabbanitischen Form mit der Originalität der karäischen verschmolz. Nach seinem zu Konstantinopel 1369 erfolgten Tode hatte das Karäerthum zwei seiner würdigsten Repräsentanten verloren. Was sich bisjetzt an selbständigen Forschern erhalten hatte, ging im folgenden Zeitabschnitt (1375 — 1575) immer mehr unter, und nur noch einige Geister vermochten es, in dem überhandnehmenden Epigonenthum größere Bedeutung zu gewinnen. Der blinde Autoritätsglaube trat noch deutlicher als bisher an die Stelle der eigenen Forschung. Statt Gegner der Rabbaniten zu sein, dankten viele Karäer jenen ihre Bildung, oder compilirten aus ältern karäischen Werken oder waren kaum mehr als Copisten. Es war ein Stadium des innern Verfalls, das jetzt eintrat. Im Jahre 1375 tritt uns der für Aegpyten, Palästina und Syrien als Autorität geltende Arzt Samuel el Maghrebi, Dajjan zu Kahira, entgegen, welcher 1350 in Nordafrika geboren ist. Nachdem dieser sich bis in sein vierzigstes Jahr nur durch kleinere Schriften bethütigt hatte, machte er sich durih sein ebenfalls arabisch geschriebenes „Buch der Gebote" (1394) einen bleibenden Namen. Ihm folgte nach seinem 1420 zu Kahira erfolgten Tode eine Reihe wenig hervorragender Karäer, deren Thätigkeit auf Konstantinopel, Belgrad, Kahira und die Krim beschränkt war. Zugleich tauchte eine Anzahl rabbanitischer Lehrer auf, welche durch Unterricht und Schriften auf die Karäer zu wirken suchten, vorzüglich um eine Wiedervereinigung dieser mit den Rabbaniten anzubahnen. Freilich gelang eine Ausgleichung nicht, weil die Rabbaniten Zugeständnisse versagten, aber verlangten, und weil es auch außerhalb der Türkei an rabbanitischen Fanatikern nicht fehlte. Doch der bildende und beherrschende Einfluß der Rabbaniten blieb nicht aus und bekundete sich in den Schriften der einzigen karäischen Größen jener Zeit. Durch sein riesiges Sammelwerk „Elijja's