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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-07-01 · Heft 4 (Juli 1865) · p. Seite 275

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 4 (Juli 1865)
Date
1865-07-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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Die Karäer. 275 bensartikeln hinzustellen. Was Anan schuf, war kein Widerspruch mit dem strengen Bibelglauben; es war ein vernunftgemäßer Ausbau desselben, von dein er selbst nie wünschte, daß er blinde Anhänger finde. Was er, der erste, wahre Dogmatiker des Judenthums, als Dogma aufstellte, waren die aus dem natürlichen Sinne der Schrift gezogenen, durch arabische Philosophie gefärbten Lehren, deren Auslegung jeder, der eine bessere Erklärung bieten konnte, umstoßen durfte, ohne als Ketzer zu gelten. So stand oas Karäerthum durch Anan's Bemühung als neue Lehre da, die der Begründer selbst durch öffentliche Reden und durch Jünger und Anbänger zu verbreiten suchte, obgleich er von den Rabbaniten in Bann gethan wurde. Anan war im wahrsten Wortsinne ein „Karäer", d. h. ein „Schriftkundiger", und dabei von so informatorischem Geist beseelt, -daß es ihm gelang, trotz der nicht ausbleibenden Anfeindungen, der neuen Lehre Eingang zu verschaffen. Bald bildeten sich, trotz allem Bannfluch, in Palästina, Syrien, Babylonien, Medien und Persien Karäergemeinden, die sich ihrem Stifter zu Ehren Ananiten benannten. Als er starb (um 765), ging sein Werk nicht unter, sondern wurde durch gleichgesinnte Genossen weiter verbreitet, wozu besonders der geistreiche Nissi aus Basra, der sich aus tiefer Armuth durch Fleiß und Consequenz zum bedeutenden Gelehrten emporschwang, beigetragen hat. In kurzem schon veranlaßt die Freiheit der Schriftauslegung von karäischer wie rabbanitischer Seite die heftigsten Streitschriften, in denen bisher unerörterte Ansichten über Gott, Schöpfung, Offenbarung und Unsterblichkeit aufgestellt und bekämpft wurden. Die ganze Entwickelungsgeschichte der Karäer ist ein solches Bild des steten Kampfes zwischen Stabilität und Fortschritt und dabei von so tiefgehendem philosophischem Interesse, daß sie eine flüchtige Schilderung unmöglich macht, und daß wir jeden, der sich damit näher bekannt machen will, auf die erste ausführliche „Geschichte des Karäerthums" von Prof. I. Fürst*) verweisen müssen. Wir können aus diesem studienreichen Werke hier nur die Cardinalpunkte erwähnen und nennen in der Schilderung vom weitern Schicksal des Karaismus zunächst einen Mann, dem die in den ersten Kämpfen begriffene Lehre nächst Anan ihre bedeutendste Befestigung verdankt, den Benjamin Nahawendi aus Nahawend in Großmedien (um 800). Derselbe, ein bedeutender Schriftsteller, folgte dem Princip, daß neben dem Wortsinne der Bibel eine allegorische Deutung maßgebend sein müsse und daß Freiheit der Forschung ohne Rücksicht auf Autoritäten statthaben dürfe; er war also dem Geiste Anan's treu. Daß sich allmählich wegen dieser Freiheit der Auslegung neue Sekten bildeten, konnte der Sache selbst nur nützen, da das derartige Absondern von Andersdenkenden stets nur dem Austrag der Zweifel förderlich war und durch die Discussion eine Brücke zur Aufklärung wurde. Besonders waren es Persien, Armenien und Babylonien, wo sich bis zum Jahre 850 Sekten abzweigten, die theils wieder in sich zerfallen sind, theils noch lange Spuren hinterlassen haben. Aber auch außerhalb des Karäerthums entstanden im Islam Spaltungen, welche auf ersteres einen Einfluß äußerten, indem sie hart an die karäischen Ansichten streiften und dieselben vielfach modificirten. Während so bis 850 ein philosophischdogmatisches Ringen zu bemerken ist, begegnet uns in der zweiten Halste des 9. Jahrhunderts, wo die Elemente etwas mehr abgeklärt sind, eine Reihe karäischer Schriftsteller, die besonders an poetischen, grammatischen und exegetischen Erzeugnissen reich ist, aber auch immer neue Formulirung der Gesetzeslehre bietet und zugleich durch reinen Rationalismus so ausgezeichnet ist, daß wenigstens die Namen eines Jbn Sitha in Irak, eines Chawi el- Balchi aus Balch im alten Baktrien und eines Jbn Sakawijja Erwähnung 1. Bd., 1862; 2. Bd., 1865. Leipzig. Verlag des Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur.

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