Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. verdienen. Auch andere Schriftsteller, die der Karäerschaft nicht angehörten, bethätigten sich in dieser Zeit als freisinnige Antirabbaniten, unter denen Jbn Koreisch aus Marokko zu erwähnet: ist. So geschah es, daß sich gegen 900 ans den wiederholtesten Meinungskümpfen eine klare Feststellung der karäischen Principien ergab, die das Karäerthum in den Stand setzte, den folgenden Stürmen zu widerstehet:. Diese Feststellung erweckte freilich zugleich das Bestreben, die vielfachen ii: der Schrift enthaltenen mosaischen Vorschriften, die ihrer Lücken, Unklarheiten und ihrer veralteten Seiten wegen sich selbst durch rationellste Deutung nicht mehr wie ursprünglich fürs praktische Leben verwerthen ließen, in karäischen: Sinne auszubauen. Es mußte dein Schriftwort zuwider gehandelt werden (Deuter. 4, 2): „Thuct nicht hinzu zu dem Wort, das ich euch gebiete, und nehmet nicht davon." So zeigte sich, daß die Verehrung der Schrift, verknüpft mit Rationalismus, ein Zwittergebilde war, das nur künstlich zu einem Ganzen verschmolzen werden konnte. Die Gesetzbücher, welche jetzt entstanden, waren ein Zeitbedürfniß. Sie machtet: den Karaismus praktisch möglich, wenn sie auch seilte ursprüngliche Idee etwas alterirten. Dabei entwickelten gegen 900 n. Chr. die jüngern Karäer eine erfolgreiche Thätigkeit und ließen durch Sendboten ihre Lehren in Irak, Persien, Medien, Armenien, Syrien, Palästina, Aegypten und Nordafrika verbreiten. In Jerusalem, der Kerngemeindc, hatten sogar fromme Pilger einen ascetischen Büßerorden der „Rosenblüthner" gebildet. In diese Zeit (900) fällt auch die Bildung vonKaräergemeinden am Kaspischen Meere, in: Kaukasus und ii: der Krim, von denen die zu Tiflis, Kertsch, Kassa (Feodosia) den Rabbinismus veranlaßten, Missionare zur Wiedergewinnung der Abtrünnigei: dorthin zu senden. Ueberhaupt feuerte das Umsichgreifen der Karäer auch die Rabbaniten zu crhöhterThätigkeit, selbst auf nichttalmudischen Gebieten, an, denen sich zu verschließet: nicht länger räthlich schien. An dieser intelligentem Betheiligung erstarkte im Anfang des 10. Jahrhunderts der Rabbinismus, dessen Literaturleben in den zwei Hochschulen Sora und Anbar wieder neue Mittelpunkte fand. Auch die antikaräischen Schriften wurden häufiger, sodaß die Karäer alles, was sie an Rüstigkeit, Sprachkenntniß, Rationalismus, Philosophie und außertalmudischm Wissenschaften besaßen, zusammenraffen mußten, um ihren Gegneri: zu widerstehen. Ja sie schrieben, um sich Anhänger zli gewinnen, sogar ii: der populäre,: arabischen Sprache. Beide Theile eoncentrirtei: sich*jetzt auf ihre festesten Grundsätze und ließen innen: Streit beiseite, um desto besser nach außen kämpfen zu können. Da trat der Rabbanite Saadja aus Fäjjum in Oberägypten auf, der ein ebenso scharfer Verfechter der talmudischen Tradition als eii: gründlicher Kenner des Karaismus war. Er genoß in seiner Vaterstadt als Gelehrter die größte Achtung und war zuerst in: Stande, durch arabische Uebertragung und Erklärung der Bibel, durch Wissenschaftlichkeit im Hebräischei: und eine möglichst rationelle Schriftdeutung auf talmudischer Basis den Karäern einen Damm entgegenzusetzen. Directe Polemik führte Saadja in sieben Streitschriften gegei: sieben der bedeutendste»: Karäer (900—926), während welcher Zeit er gleichzeitig juristische, dogmatische und exegetische Werke schuf. So baute er auf Schriftauslegung und philosophischer Dogmatik ein Gebäude aus demselben Material wie der Karaismus, aber in völlig rabbanitischem Stil und documentirte sich als einer der gewaltigsten und gelehrtesten Rabbaniten seiner Zeit. L-ofort erhoben sich aus dem Karäerthum, das gegenüber einen: so bedeutenden Gegner fest zusammenhielt, gewichtige Vertheidiger, die theils während seines Lebens (910 — 942), theils nach seinem Tode (942 —950) gegen ihn schrieben. Hier sind zu nennen: El Bazir aus Rai in Medien, ein höchst umfassender und origineller karelischer Philosoph, Ben Jerochiin, der größte, schonungsloseste Streiter gegen Saadja, ein bedeutender Ereget lind Dichter, geboren zu