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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-07-01 · Heft 4 (Juli 1865) · p. Seite 273

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 4 (Juli 1865)
Date
1865-07-01
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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Die Karäer. 273 wollte. Aehnlich kehrten die Karäer zum Schriftwort zurück, indem sie sich förmlich von dem Traditionsglauben des Rabbinismus lossagten. Dieser Parallelismus der Erscheinung beweist, daß beiden Reformationsbewegungen ein Naturgesetz zu Grunde lag, das wir auch sonst bestätigt finden, und das den Menschen antreibt, sich in Bezug auf die religiöse Ueberzeugung sittlich und geistig sreizumachen. Daß dieser kühne Schritt nur als Vorbereitung zu einem des Menschen würdigen Vernunftglauben gilt, der mit den streng sittlichen Principien die schönsten biblischen Ueberlieferungen von der ewig unergründbaren Gottheit vereint, ist wol kaum im Ernst zu bezweifeln. Daß aber ein zu starres Festhalten an der im Anfang so segensreichen Neuerung schließlich dieselbe ebenso lebensunfähig machen kann als das Alte, geht uns aus der Geschichte zur Genüge hervor. So kam es auch, daß die Karäer, als sie in denselben Fehler verfielen, gegen dessen Vertilgung sie gekämpft hatten, für keine vernunftgemäße Fortentwickelung empfänglich 'waren und derart in Verfall geriethen, oaß sie bis vor kurzem in stetem Sinken begriffen waren. L-o büßten sie das Verharren auf einer Stufe, die ihnen schon als die höchste galt, und die in Wirklichkeit nur Vorstufe der höhere Vernunft und frommen Glauben verschmelzenden Gotteslehre war. Es dürste nicht ohne Interesse sein, die jetzt 1100 Jahre alte Sekte der Karäer, die den wenigstem näher bekannt ist, einer kurzen Schilderung zu unterwerfen. Im Judenthum herrschte bekanntlich bis zur Schöpfung des Talmud das Festhalten am Wort der Schrift. Schon von der Makkabäerzeit bis zur Begründung der talmudischen Discussion (um 30 v. Ehr.) über biblische Ueberlieferung bildeten sich zwei Parteien, die Pharisäer und Sadducäer. Während letztere von Zeit zu Zeit das strenge Festhalten an der Bibel betonten, wollten erstere der freien Deutung und Forschung, mit Benutzung der Ueberlieferung, ihr Recht wahren. Die Sadducüer vertraten daher vor und während der talmudischen Periode den e onservativen, die Pharisäer den liberalen Standpunkt. Mit Abschluß des Talmud (etwa 500 n. Ehr.) begann sich dies Verhältniß umzukehren, indem die talmudischen Forschungen, welche während ihres Entstehens der Ausdruck freier geistiger Thätigkeit gewesen waren, jetzt im erstarrten Zustande zu heiligen Satzungen erhoben wurden. Von diesem Moment an wurden die aus den Pharisäern hervorgegangenen Rabbaniten die Vertreter einer eonservativen, ja reactionüren Richtung, indem sie dem Geist der Forschung jene früher freien Bahnen jetzt als feste, unveränderliche Wege vorzeichneten, sonach in Widerspruch mit der freien Forschung kamen. Die jahrhundertelang scheinbar erloschene Sekte der Sadducäer wäre jetzt, so fühlten manche, der Träger eines liberaleren Princips gewesen, indem sie nur die Satzungen der Schrift als gesetzeskräftig anerkannte. Dies dunkle Gefühl, daß jetzt in der Rückkehr zur Schrift der religiöse Fortschritt zu suchen sei, gab sich zuerst in jenen, dem fernen Wetterleuchten vergleichbaren Einzelbewegungen kund, die meist dein Ge Witter einer Geistesrevolution vorangehen; es wurde endlich zur That, indem aus den Resten des Sadducäerthums sich als Anwalt des Liberalismus das Karäerthum entwickelte, das zwar strenger als der Rabbinismus am Schriftwort sesthielt, aber alle jene spätem talmudischen Satzungen als nicht bindend erklärte und als willkürliche geistige Einschränkung bekäinpfte. Vorbereitet durch die Saboräerzeit (498 — 589), in welcher der abgeschlossene Talmud zur kanonischen Bedeutung gelangte, und durch die erste Gaonenzeit (589—760), in welcher, nach Wiedereröffnung der Hochschulen zu >L>ora und Anbar, vereinzelte außerhalb jener Hochschule stehende Männer begannen, sich vom Studium des Talmud ab- und der grammatischen Durchforschung des Schriftworts sowie der freien Beschäftigung mit nichttalmudischen Wissenschaften zuzuwenden, erstand zunächst eine Art von Antirab-

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