Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417810--284-2418123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
272_Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. ein, in welcher sich der junge Goldheim seinen Gedanken zu überlassen schien; dann sagte er: „Mit kühler Vernunft, lieber Vater, ist niemals eine Revolution gemacht worden; jgroßc Umwälzungen müssen wie gewaltige Eruptionen kommen. Es bedarf eines gewissen Grades der Trunkenheit, des Selbstvergessens und einer Blindheit für die Gefahren, die entgegenstarren, wenn man eine Gewalt brechen will, die uns erdrückt. Der Patriotismus ist eben nur eine Idee, und will man die Vernunft klügeln lassen, so sagt sie uns, auch die Freiheit ist nur eine solche und es lohne nicht, sein Blut sür Ideen zu verspritzen. Das ist aber eben das Glück, daß die Jugend nicht so haushälterisch ist und sich für Ideen begeistern kann. Sie werden in den Reihen unserer künftigen Armee meist auch nur junge Leute finden, die das Vaterland wieder erobern und es mit ihrem Blut für künftige Generationen düngen wollen." „Und wenn die Polen einen so großen Einsatz wagen, so werden sie, wenn ihnen das Los günstig, einen entsprechenden Gewinn, ihr Vaterland, ihre Sprache, ihre Gesetze, ihre Selbständigkeit, ihre Freiheit haben; was, frage ich dich, steht uns, den Juden, die man haßt, bevor, wenn wir unser Gut und Blut in einer verzweifelten Sache einsetzen?" „Eine ungleich bessere Stellung, als sie uns gegenwärtig unter russischer Gewalt zutheil wird, wo man uns den größten Theil des Reichs absperrt, und wo man noch vor ein paar Jahren, wie in Mizraim, uns unsere Knaben raubte, um sie in fernen Ländern, wo sie ihren Gott und ihre Aeltern verlernten, dem Kriegsdienst aufzuziehen. Polen wird uns als Brüder aufnehmen und uns unfern Platz am Familientisch anweisen!" In diesem Moment öffnet sich die Thür und Hermine, blaß und verstört, tritt, gefolgt von einer imposanten Gestalt in einer glänzenden Uniform, in das Zimmer ihres Vaters. „Der Herr Oberst", stammelte Her- Mine, kaum ihres Organes mächtig, „hat an Sie einen Auftrag Sr. Durchlaucht." Auch auf Karl's Gesicht weicht die Farbe einer Todesblässe. (Fortsetzung folgt.) Dir KsrLrr. Von vr. msä. L. Fürst. Der Kampf zwischen Vernunft-, Schrift- und Traditionsglauben ist ein sehr alter. Er schuf und zerstörte Religionen,, er rottete ganze Völker aus, er schwieg hier, um dort wieder aufzuleben. Stets aber versinnlicht er uns im großen das ewig unstete Ringen der Menschenseele nach Wahrheit und innerer Befriedigung. Das Uebereinstimmende an diesen geistigen Umwälzungen, gleichviel wann und wo sie sich ereigneten, ist, daß das Streben nach der reinen, ungetrübten und unverfälschten Verehrung eines höchsten Wesens sie hervorrief. Die thurmhohe Mauer von Ueberlieferungen, welche Gewohnheit und Pietät mit dein Schimmer heiliger Gesetze umkleidet hatten und in deren Grenzen der Geist eingezwängt worden war, fiel unter dem Anstürmen der Reformatoren, welche die Rückkehr zum schlichten Gotteswort, wie die Bibel es uns kündet, predigten. Nun fühlten sich deren Anhänger frei von jener jahrhundertelang selbst übernommenen geistigen Selbstbeschränkung und erbauten sich aus den schon durch ihr Alter geweihten Bibelworten einen neuen Tempel, an dem jeder Stein echt und verehrungswürdig war, und der, frei von den Zierathen und Uebertünchungen späterer Zeit, wieder in ursprünglicher Schönheit das Gemüth der Betenden erhob. So gestaltete sich, im Christenthum durch Martin Luther, im Judenthum durch Anan verkörpert, jene neue Gemeinschaft der Schriftgläubigen. Die vom Katholicismus sich absondernden Protestanten, die alten Lutheraner, verschmähten alles, was die kirchliche Tradition ihnen als göttlich aufdrängen