Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1865)
- Date
- 1865-07-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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269 Die Juden in Warschau zur Zeit der letzten Bewegung. eigenthümliche Leben anderer Stadttheile ein nur schwaches Echo findet, und wo blos „der Ast jenes Stammes, der gefällt, zerschmettert, doch nicht verdorrt", im Schatten der Vorurtheile als Monument des Hasses und der Ungerechtigkeit zu finden ist, steht ein von der Zeit düster getünchtes Haus mit niederm Eingang und kleinen Fenstern. Oben haben Schwalben ihre Nester gebarst und unten friedliche Krämer ihre Verkaufsläden geöffnet, beide weniggestört vom hauptstädtischen Getriebe, das sich nur selten ins Ghetto verirrt. Eng, als gälte es, jede Zollbreite Bodens einander streitig zu mache», und als hätte die Erde nicht Raum genug für die Behausungen der Menschen, klebt Haus an Haus in diesem der Judenschaft Warschaus zugewiesenen Viertel, das sie niemals überschreiten darf, mag sie auch noch so sehr wachsen, mag es ihr auch noch so sehr an Raum, Licht und Luft fehlen! Daher dieser labyrinthartige Bau der zusammengerückten und gedrückten Häuser, daher die fahle Farbe der armen Einwohner, daher der Schmuz in den Gassen, in die nur selten das volle Sonnenlicht fällt. An der Außenseite dieses Hauses würde man nicht die reichmöblirten, theilweise mit morgenländischer Pracht eingerichteten Zimmer vermuthen, in denen der Herr dieses Hauses, der greise Rabbi Hersch Goldheim, wohnt. Von den bösen, lüsternen Augen und der Habsucht ihrer Feinde oft verfolgt und gefährdet, haben die Juden früherer Generationen gelernt, ihren Reichthum hinter der Maske der Armuth zu verbergen, und so pflegte man in alten Zeiten, wo die Räuber nicht blos in den Wäldern hausten, sondern auch die Gassen und die .Häuser unsicher machten und die Beamtenunisorm oder das Adelswams trugen, in unscheinbaren, armseligen Hütten an heitern Festen reichgeschmückte Frauen, reichbesetzte Tische, blitzende Tafelgeschirre zu finden. Freilich haben sich die Zeiten und die Verhältnisse seitdem gewaltig verändert, die offenen Verfolgungen haben aufgehört, und der Reichthum flüchtet nicht mehr in baufällige Hütten; doch wurzelt noch immer der Glaube im Volk, jeder Jude sei der Hüter verborgener Schätze, und daß in jeder, noch so armseligen Hütte, wo das Elend mit dem Hunger ringt und Kinder vergebens um Brot wimmern, noch Wohlstand zu finden sei! Die krumme, enge und dunkle Stiege dieses Hauses eilt ein junger Mann hinan, jo rasch, daß er heftig an ein junges Mädchen stößt, die ihm voran hinaufsteigt. „Karl! Wie ungestüm!" „Thal ich dir weh, Hermine?" „Du hättest nach ja bald über den Haufen geworfen." „Vergib mir, Kind! Wie geht's unten?" „Schau mich an, wie ich aussehe! Kann man mich nicht für einen Buchdruckergehülfen ansehen?" Und ihre Stimme senkend sagte sie: „Ich habe eigenhändig eine Menge Exemplare abgezogen, und nun ist der Drucker wieder da und ich eile, mich wieder in bessern Stand zu setzen. Sieh, wie schmierig und zerknillt ich ausschaue." Und sie eilt fort, während Karl ins Zimmer seines Vaters tritt. An einem runden, mit Büchern bedeckten Tische sitzt ein alter Mann. Da liegen sie bunt durcheinander, die verschiedensten Werke antiker und moderner Weisheit: die in Pergament gebundenen Folianten, welche die Religion, die Geschichte, die Philosophie und die Jurisprudenz des Volks enthalten, das seit Jahrtausenden mühselig Stein um Stein zu dem großen Bau der Civilisation beigetragen; die Bücher neuer Erforschungen auf den Gebieten positiver Wissenschafen und in den Katakomben der Geschichte; ephemere Flugschriften, welche die jüngsten Tage zeigten, und die, wie die Maikäfer, zu einem kurzen Leben aufflattern und niederfinken, nachdem sie schillernd einige Tagesfragen umfchwirrten. Da liegen einige dickleibige Bände, welche aus den Reihen ihrer Brüder gerissen wurden, die sich in den Glasschränken an den Wänden friedlich aneinanderreihen. Emsig, wie jetzt in seiner Studirstube, hatte Rabbi Hersch Gold-