Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-07-01 · Heft 4 (Juli 1865) · p. Seite 270

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 4 (Juli 1865)
Date
1865-07-01
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417810--282-2418121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

270 Jllustr. Monatsh. für die ges. heim in frühem Jahren das Gebiet der Industrie und des Handels bebaut und trug der Ameise gleich Korn um Korn heim für die alten Tage. Auf der Höhe des Lebens angelangt, verließ er das von ihm mit Erfolg cultivirte Gebiet und zog sich, feiner Neigung folgend, in ein stilles beschauliches Studienleben zurück, in das ihm die Liebe und die Verehrung seiner Glaubensgenossen folgten, die zu ihm wie zu einem erleuchteten Wesen emporblickten. Karl's feine elastische Gestalt erscheint ' im Studirzimmer feines Vaters. Der junge Mann trägt den engen Schnürrock mit Gürtel, dessen breite Spange auf weißem Felde die ciselirte Bronzebüste des Helden Kosciuszko zeigt, die hohen Stiefeln und die breiten Pluderhosen, auf dem Kopf die viereckige, mit Pelz verbrämte Mütze und den dicken, mit einem kleinen Beil gezierten Stock. Er hatte das Aussehen eines Glücklichen. „Guten Morgen, Vater", sagte er, Stock und Konfederatka in einen Winkel werfend; „ich muß mein langes Ausbleiben entschuldigen. Sie sitzen hier wie auf einer stillen Insel, unbekümmert um die Brandung, dis draußen im Ocean des Lebens zischt. Draußen geht aber eine gewaltige Strömung, gewaltig, Vater, daß die eisernen Dämme der russischen Bajonnete kaum widerstehen werden!" Der Greis schließt den Folianten und steht auf, feinen Sohn forschend anblickend. „So?" fragt er gedehnt. „Gewiß. Der Geist der Freiheit geht über Warschau, seine Spuren eindrückend wie der Ewige Jude. Alle Schichten und Klassen sind aufgelöst in Ein Volk, alle Religionen gehen auf in den Einen Cultus für Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt fortan keine Christen und Juden mehr, es gibt nur noch Polen in Polen, alle voll glühenden Eifers für die große Sache des gemeinsamen Vaterlandes, dessen Fesseln gebrochen, dessen Selbständigkeit wiederhergestellt und dessen Thron wieder aufgerichtet werden muß, mag es alles kosten, was eine für die gute Interessen des Judenthums. Sache begeisterte Nation opfern kann! Sehen Sie, lieber Vater", und der junge Mann entfaltete aus einem kleinen Packet eine große metallene Kette, „das ist die Huldigung, die das katholische Polen dem polnischen Judenthum dargebracht und wodurch unserer Verbrüderung ein Siegel aufgedrückt wurde. Diese Ketten tragen alle polnischen Patrioten als Zeichen unserer Knechtschaft und daran das Bild des Gekreuzigten als Emblem der Hoffnung und der Wiedererstehung!" „Und du willst dies Zeichen an deiner Brust tragen?" „Sehen Sie die Rückseite an, Vater, kennen Sie das Porträt?" „Unser Rabbiner!" „Gestehen Sie", sagte Karl glühend, „daß es keine größere und edlere Anerkennung unserer patriotischen Mitwirkung zur Befreiung Polens geben, daß keine Auszeichnung dieser da gleichen und daß die jüdische Jugend Warschaus niemals gerechter für eine Sache schwärmen und wirken könnte als für jene, der wir uns geweiht!" „Die Sache ist allerdings berückend", sagte der Alte kopfschüttelnd, das ihm hingehaltme Bild anstarrend, „aber sie gefällt mir nicht." „So sehen Sie dunkler als alle, lieber Vater!" erwiderte Karl fast unmuthig; „die ältesten Männer in Warschau sind jung geworden und begeistern sich für das große Werk, an dem ganz Europa und von ihren Thronen Monarchen sogar Mitarbeiten! Speciell wir Juden, die wir fpeculativ sind, sollten uns um so wärmer einer Bewegung anschließen, aus der nur eine wohlthätige Veränderung für uns resultiren kann, denn gleichzeitig mit den Polen werden auch wir frei werden, mit ihrer Knechtschaft hört unsere Sonderstellung auf, und mit dem Moment, wo Polen in die Reihe der selbständigen Staaten eintritt, treten wir in unsere Menschenrechte, die uns lange genug vorenthalten wurden!" Der Alte lächelte bitter. „Rausch, mein Kind! Nichts als Rausch! Schon vor dreißig Jahren moussirte der Geist der Freiheit im Lande, das seine Fesseln sprengte und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.