Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 263 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417809--274-2418112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zur Tagesgeschichte. 263 päischen Gesittung und Weltanschauung in die Schranken zu treten, ist Vermessenheit (?!). Im vorigen Jahrhundert konnte ein Moses Mendelssohn durch seinen Bund mit dem reinen Deismus eine philosophische Bedeutung haben; heutzutage sind wir darüber hinaus (?). Später ward aus diesem Gegensatz eine nationale Eitelkeit; denn trotz des europäischen Bürgerrechts, das -der Jude seit der Französischen Revolution erhalten, lebt in ihm doch die Erinnerung an die alte nationale Größe und Selbständigkeit noch fort. Es schmeichelte ihm, der so lange Jahrhunderte in den Staub getreten war, sich den Europäern ebenbürtig, ja wol überlegen zu zeigen. Sollte sich Herr Oppert seines semitischen Ursprungs stolz bewußt gewesen sein, als er eine Lanze mit den Japheuten brach? Dann würde sich Herr Breal um so unparteiischer gezeigt haben, denn er ist ebenfalls Israelit. Wie dem auch sei, dieses Jnscenesetzen des Semitismus oder des Judenthums insbesondere ist eine Episode, eine Grille unserer Epoche, die bald vorübergegangen sein wird (?) und einer Kritik nicht bedarf.*) Wir haben nicht mit dem Katholicismus gebrochen, um in den alles Proselytismus unfähigen, rein nationalen Mosaismus zurückzufallen. " Nun, wir denken, gelinde gesagt, alles was Herr Semmig hier vom Mosaismus und Judenthum sagt, ist nur der Ausdruck verschämten Judenhasses, eines Rassenhasses, der alle Logik auf den Kopf stellt, um nur dem angefeindeten Volke jedes Gute abzusprechen; nur auf diesem Standpunkt wird es Herrn Semmig möglich, Mosais mu s und Rabbinismus zu identificiren. Mag der letztere wenig entsprechend sein, mag man ihn verwerflich, unsinnig, veraltet finden, so kann man unmöglich das Urtheil über die äußerliche, vergängliche Form einer Religion auch auf den eigentlichen Gehalt derselben erstrecken; dieser aber ist beim Mosaismus der Monotheismus, als dessen Gegner Herr Semmig wol nicht wird gelten wollen. Nicht der „Protest gegen die Unfehlbarkeit des Katholicismus in: Namen der Gewissensfreiheit", den das Judenthum im Mittelalter nach Herrn Semmig bedeutet haben soll, gab diesem eine gewisse Bedeutung, nein, die Bedeutung hatte das Judenthum damals, hat sie noch jetzt und wird sie noch lange haben, daß es den Protest des Monotheismus gegen den Polytheismus versinnlicht, des Glaubens an den einen und einzigen Gott, gegen den Glauben an eine Göttermehrheit, den das Christenthum zwar milderte und beschränkte, ohne ihn aufzuheben. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" bringt in ihrer Nr. 18 „Zerstreute Bemerkunkungen", in welchen von den Juden in Bo- *) Cs wäre vielleicht doch nicht so ganz überflüssig, wenn Herr Semmig seine Ansicht etwas deutlicher ausdrücken würde; uns scheint, daß in diesem Aussatz Herr Semmig über jeden Passus, der einer nähern Begründung bedars, mit obigem Ausdruck hinwegschlüpsi. khara die Rede ist. Bei dieser Gelegenheit macht sie die Entdeckung, daß Vämbery ein Engländer ist! Die gute Allgemeine möge sich im 1. Heft der „Jllustrirten Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums" über das Vaterland dieses Reisenden orientiren! Der „Ben-Chananja" läßt sich unterm 20. April aus Wien über einen Artikel der „Reform" berichten, der von einem „von gut christlichen Aeltern abstammenden Schriftsteller" geschrieben ist, und der die Verdienste der Juden, ihre Regsamkeit auf verschiedenen Gebieten in warmen Ausdrücken anerkennt. Hierzu aber ward dieser Herr Journalist durch unsere „Jllustrirte Monatshefte" angeregt, deren Besprechung er mit den vom „Ben- Chananja" citirten Worten einleitete. Das verschweigt aber der „Ben-Chananja", vermutlich aus — journalistischer Redlichkeit. Wir wollen uns an diesem tugendhaften Blatte rächen. Wenn nämlich ein christlicher Autor seiner durch den „Ben-Chananja" angeregten Begeisterung für das Judenthum Ausdruck in irgendeinem Journal geben wird, so werden wir uns beeilen, den betreffenden Artikel wörtlich und vollständig zu citiren. An baldiger Gelegenheit hierzu wird es uns doch nicht fehlen? Wir fragen! Bildende Kunst. In der jüngsten londoner Kunstausstellung befand sich ein Gemälde, „Esthers Bankett", von Armitage, welches von dem Correspondenten der „Neuen freien Presse" folgendermaßen sehr treffend geschildert wird: „Man sieht Haman mit gerungenen Händen vor Esther liegen, die, aus einem Stuhl sitzend, etwas zurückweicht. Der König steht in gebietender Haltung jenseit des Tisches, die Hand am Schwertknauf. Die Diener werfen dem zum Tode Bestimmten einenTepPich über das Haupt. Was mir an dem Gemälde am meisten auffüllt, ich die geschickte Verbindung der lebensvollsten Zeichnung mit dem Charakter der Darstellung, wie wir sie auf altassyrischen Reliefs sehen. Das Bild hat, sozusagen, eine längliche Flucht und tritt doch wieder zu einer vollen Gruppe und zur unmittelbarsten Action zusammen. Die orientalischen Gewand- und Gesichtsstudien des Malers sind unzweifelhaft bedeutende, ausgenommen eben, daß Esther, die Hauptfigur, in jeder Beziehung nicht in das Gemälde zu paffen scheint. Fast scheint es, als ob den Lichteffecten die Wahrheit geopfert worden sei. Die Helle, angelsächsische, weißfleischige, sanftblonde, ziemlich tief ausgeschnittene, an den Schultern nur mit leichter Gaze bedeckte Figur der Esther hebt sich freilich markant von den dunkeln Männern mit ihren geflochtenen Bärten ab; allein man fragt sich sofort: Ist das wirklich Esther? Es mag Esther sein, aber sie frappirt einen nicht besonders als solche. Sie könnte ebenso wol.