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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 245

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 245 (sequence 61)
Language
German
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Recensionen. 245 Thema, einen und denselben Gegenstand, aber auf verschiedene Art und Weise. Philippson machte sich's zur Aufgabe, anzugeben und nachzuweisen, welcher Mittel und Wege sich die Vorsehung bediente, um die religiöse Idee zu erhalten, damit sie einst nach einer Reihe von Aeonen Gemeingut der Menschheit werde; er schildert die Kämpfe, welche die religiöse Idee nach innen und außen zu bestehen hatte, und die geistigen Waffen, welche je nach Zeit und Umständen ergriffen und geführt werden mußten, um die Kämpfe zu bestehen, um zu siegen; er beleuchtet die Aufgabe und das Wirken der Propheten, 'der Soferim und der Rabbinen, um dieses köstliche und unveräußerliche Kleinod im Schose des israelitischen Stammes zu wahren, zu schützen und zu schirmen. Um das Individuelle und Specielle der Situationen und Begebenheiten, der geistigen Kämpfe und Gegensätze kümmert sich Philippson nicht. Geiger dagegen richtet sein Augenmerk mit historisch-kritischer Schärfe auf alle einzelnen Epochen und Zeitereignisse. Philippson's Darstellung hat den Vorzug, daß sich Ein Gedanke, die Wahrung der religiösm Idee, wie ein rother Faden durch alle Vorlesungen zieht; dagegen vermißt man bei ihm das tiefere Eingehen in die einzelnen Strömungen und Bewegungen. Geiger's Vorlesungen hängen zwar nicht wie die Ringe einer Kette aneinander, dafür ist er aber originell und eindringend in den hervorragendsten Specialitäten. Wir möchten sagen, Philippson hat Mannichfaltigkeit in der Einheit, Geiger Einheit in der Mannichfaltigkeit. Philippson versprach, seine populär gehaltenen, ohne Nachweisungen publicirten Vorlesungen nachträglich historisch zu motiviren. Geiger's Vorlesungen sind das Resultat seiner geschichtlichen, schon bekannt gegebenen Untersuchungen und Forschungen. — Nach dieser Parallele wollen wir den Inhalt jedes einzelnen Vortrags genauer kennen lernen. Was ist Religion? Der Herr Verfasser kommt in Nr.1 zu folgendem Resultat: „Religion ist der Schwung des Geistes nach dem Idealen hin, das Emporstreben nach den höchsten Gedanken, das Verlangen, im geistigen Leben zu reifen und immer mehr sich darin zu vertiefen, das Körperliche und Irdische zu bewältigen, und auf der andern Seite die nicht zu beseitigende Empfindung, daß man dennoch gebunden ist an das Endliche und Begrenzte; Religion ist der Schwung nach dem Höchsten hin, den man als die einzige, volle Wahrheit begreift, der Aufschwung nach der alles umfassenden Einheit, welche einmal der Mensch als ein Ganzes nach der ganzen Natur seines Geistes in sich ahnt, als die Grundlage alles Seins und Werdens, als die Quelle alles irdischen und geistigen Lebens, die er, wenn er sie auch nicht vollkommen erkennt, doch als lebendigste Ueberzeugung in sich trägt, u.s.w. Ja, die Sehnsucht nach dem Höchsten und Besten, der Anschluß an die Gesammtheit, das Hinaufringen nach dem Unendlichen, trotz der eigenen Endlichkeit und Beschränktheit, das ist Religion. Darin haben wir auch die Bürgschaft für das Höchste und Unendliche, weil wir zu ihm emporklimmen wollen, für die ewige Weisheit, für die Freiheit, die alles umfaßt und aus sich erzeugt, weil wir nach ihr streben, weil wir das Sehnen nach ihr in uns tragen u. s. w." Es ist diese Auseinandersetzung nichts anderes als eine blumenreiche und erhebende Umschreibung des Kantischen Postulats der praktischen Vernunft, und reichen sich natürliche und übernatürliche Religion darin friedlich die Hände, denn dieses Sehnen nach dem Höchsten hat eben der Allerhöchste in des Menschen Brust gepflanzt. In Nr. 2 vergleicht der Verfasser die erhabenen Ideen des Judenthums von Gott, von dem Verhältnisse des Menschen zu Gott mit den niedrigen Vorstellungen des Griechenthums, wobei nur zu wünschen gewesen wäre, daß der Verfasser diese Differenz motivirt und erklärt hätte. Wir können uns diese Thatsachen nur vermittels der supernaturalistischen Offenbarung erklären. Indem Gott sich als allweises, allgütiges, allgerechtes, heiliges Wesen offenbarte, der den Menschen in seinem Ebenbilde und zur Liebe geschaffen, war Gott der Seiende, das xrius, der die Schöpfung ins Dasein rief; das Heidenthum aber ging von der Schöpfung aus, von ihrer Vielheit, Mannichfaltigkeit, Gebrechlichkeit, und construirte sich daraus seine ohnmächtigen Götter, sein Elil. Diese Erklärung blieb der Verfasser schuldig. Doch was Nr. 2 verschweigt, dürste Nr. 3, welche von der Offenbarung handelt, nachtragen. Wie erklärt der Herr Verfasser die Offenbarung? Offenbarung ist nach Geiger nicht eine supernaturale, sondern „eine religiöse Genialität, eine Erleuchtung, die von dem höhern Geist ausgeht, nicht aus einer Entwickelung sich zusammensetzt, die mit einemmal als ein Ganzes sich gestaltet, wie eine jegliche neue Schöpfung, die aus dem Urgeist hervorgeht". Wenn aber Offenbarung in Bezug auf Erkenntniß des Göttlichen nur religiöse Genialität, wie kam diese gerade zu dem jüdischen Volke? Waren doch Griechen, Römer, Aegypter, Assyrer und Babylonier erleuchteter, reifer und reicher anKenntniß und Erkenntniß als das jüdische Volk!*) Herr Geiger bezeichnet Maimuni und R.JehudaHalewi als seine Vorgänger; allein diese besagen nichts weiter, als daß Moses, der treueste Diener im Hause Gottes, ohne alle Vorbereitung und Anschickung mit Gott verkehrte, während die ihm folgenden Propheten, die eigentlich keine Offenbarungsrecipienten, sondern nur Seher waren, sich selbst begeistern mußten, wenn sie Visionen haben wollten und sollten. In Wahrheit sagt die Lehre von der Offenbarung: In der Menschheit hatten Jrrthum, Bosheit und Unrecht die Oberhand, sodaß der Mensch durch sich selbst nicht zur Erkenntniß der Wahrheit, der Tu- *) Von der Nichtigkeit eines semitischen Jnstinctes sprach Mnuk in seiner berühmten Antrittsrede.

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