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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 243

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 243 (sequence 59)
Language
German
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Recensionen. 243 als den betrogenen Betrüger und als reine Lustspielfigur hinzustellen. O ihr Nachgebornen eines gottlob ausgestorbenen Geschlechts, laßt euch mit Shylock antworten: „So lange du das Siegel nicht wegschiltst von dem Schein, thust du mit Schrein nur deiner Zunge weh." Wir stehen wol auf mehr als unserm Schein, wenn wir uns für Shakspeare auf Hutten berufen: „Das Wort, das müßt Ihr lassen stahn!" Rötscher in seinen dramaturgischen Blättern gibt übrigens dem Kritiker, der die überaus weise Bemerkung machte, daß durch die jüdischen Darsteller die Figur des Shylock eine tragische wurde, zu bedenken, daß auch Fleck, Ludwig Devrient und Sehdelmann bei der Darstellung des Shylock vor allein die dämonischen, das heißt die Elemente, die die Grundlage der Tragik bilden, herauskehrten. Wenn wir es versucht haben, die Gestalt Shylock's aus der sie umgebenden starren, uns unheimlich berührenden Hülle loszulösen, und selbst die Gefahr nicht scheuten, einem so großen Kenner wie Gervinus gegenüber, menschliche Seiten in diesem, den finstern Mächten scheinbar ganz anheimgefallenen Charakter aufzuzeigen, so möchten wir uns gegen die Absicht verwahren, als ob wir ihn zu einem Helden stempeln wollten. Einen „Abschaum der Menschheit", wie ihn Gervinus nennt, hat uns aber Shakspeare nirgends gezeigt; ein „Abschaum der Menschheit" hätte kein Interesse für uns, weil es ganz und gar jenseit unserer menschlichen Natur liegt. Gervinus meint ferner, daß Shakspeare von den modernen Emancipationsideen nichts wußte und ahnte, und nennt unsere Zeit die Zeit der Verwilderung der Kunst, weil man Shylock nicht, wie Barbadge zu Shakspeare's Zeit gethan, mit rothen Haaren und langer Nase darstelle. Wir meinen aber, daß jedes echte Kunstwerk im Lichte jeder Zeit angesehen wird und angesehen werden kann, ohne etwas von seiner ursprünglichen Kraft zu verlieren. Darin liegt das Ewige und Göttliche der Kunst und ihr Zusammenhang mit der Natur, daß sie von jedem Zeitbewußtsein anders aufgefaßt und von jedem verstanden wird. Daß es aber wiederum Künstler sein müssen, die das Verstündniß für die Kunstgestalten eröffnen, liegt in der Natur der Sache. Nur die dem Dichter verwandte Natur vermag in jene Tiefen zu dringen, wo die Schöpferkraft beginnt, jene Kraft, die der Zauber des Geheimnisses umgibt seit jenem ersten Wort „Es werde" bis auf unsere Zeit. Wir gestehen frei, haß wir dem genannten lebensvollen Darsteller dieser so eigenthümlichen Gestalt diese unsere Auffassung verdanken. Hat doch der Dichter nur Worte, um seine Gestalten zu verewigen, und Worte sind vieldeutig! Die Schriftgelehrten aller Zeiten und die Recensenten der Dichter beweisen dies zur Genüge. Aber der darstellende Künstler nimmt das Wort, und das Wort wird eine Gestalt, unzweifelhaft, unzweideutig. Man lese den „Kaufmann von Venedig" und man wird vielleicht zweifeln, ob Shylock ein leidenschaftlicher, tragischer Charakter oder ein ganz gemeiner, betrogener Betrüger sei, ob er die tiefen, innersten Züge einer Menschengestalt oder die bizarre Grimasse eines Zerrbildes an sich trage; man sehe eine verständnißvolle Darstellung Shylock's, und man wird es klar und unzweideutig erkennen, daß diese Gestalt in ihrer eigenthümlichen Tragik so einzig dasteht wie das Volk, aus dem sie hervorgegangen. AerenZjomn. Das Judenthum und seine Geschichte. Erste Abtheilung: Bis zur Zerstörung des zweiten Tempels. Nebst einem Anhänge: Renan und Strauß. Von vr. Abraham Geiger, Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a.M. (2. Ausl., Breslau, Schletter'sche Buchhandlung, H. Skutsch, 1865). Das Judenthum der Gegenwart ist in eine Phase eingetreten, in welcher nicht nur die

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