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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 242

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 242 (sequence 58)
Language
German
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242 Jklustr. Monatsh. für die ges. „Ich glaube, man braucht nicht Jude zu sein, um das zu fühlen; es gibt einen Aufschrei innerster Verzweiflung, den jedes Menschenherz versteht." Wahrlich keine bizarre Laune, kein übermüthigcs Spiel mit Menschenleben veranlaßt Shylock zu der unnatürlichen Forderung; er hat viel gelitten, Schweres erduldet, und sein Rachegefühl wäre aus seiner Vergangenheit motivirt genug. Wie wenig aber der Dichter gewillt war, einen Menschen wie Shylock zum Ergötzen der großen Menge als gedrillten Werwolf vorzuführen, das beweist eben das Schicksal, das er ihm aufbürdet. In seinem Volke ist er gekränkt, verletzt, wie wir ihn erblicken, „seine Thätigkeit, seinen redlichen Gewinn nennt man nur Wucher"; aber das Schwerste, das ein Mensch erleben kann, trifft ihn vor unfern Augen. Bis in das Heiligthum seines ehrbaren Hauses dringen seine Feinde und nehmen ihm sein einziges Kind. Man muß es wissen, was es für einen fanatischen Juden war, daß ein Christ sein Kind ihm rauben konnte, daß sein Kind so weit entartet war, sich entführen zu lassen, um auch in dem Ausrufe: „Ich wollte, meine Tochter läge todt zu meinen Füßen und hätte die Ohrringe und die Dukaten!" nicht ein dem Menschlichen ganz unerklärlichen Ausruf zu hören. Seine Tochter ist todt für ihn, sobald sie ihre Religion verläßt; ja, er muß alle Ceremonien vornehmen, die für den Todesfall eines Kindes vorgeschrieben sind. Außerdem liegt es in der menschlichen Natur, solange sie überhaupt noch die Kraft des Widerstandes hat, sich durch den Wechsel der Vorstellungen aus dem auf sie einstürmenden Schmerz auf Augenblicke zu befreien. So löst sich Shylock von dem Schmerz über den Verlust der Tochter durch die Vorstellung von dem Verlust des Geldes ab. Ja er sucht beides durch die Vorstellung der Rache zu übertäuben, welche zwar auch ein heftiger Schmerz ist, aber doch ein anderer. Und nun ist es die Rache, die allein die Triebfeder seines Empfindens, Denkens, Handelns ausmacht. Wie aber jede Leidenschaft im Drama ein subjektives Recht hat, so hat auch Shylock's Interessen des Judenthums. Leidenschaft ein Recht, und der Dichter hat gerade in der Gerichtsscene dies Recht klar gezeigt, und zwar durch das. Betragen der Feinde Shylock's. Wie nahe lag die Gefahr, die christliche Liebe und Milde, von der so viel gesprochen wird, gegen den Juden walten zu lassen und auf diese Weise durch den Gegensatz den Juden hinabzudrücken und ihn allerdings zu einem Scheusal zu machen! Aber Shakspeare, dem es um nichts ging als um innere Wahrhaftigkeit, läßt die christliche Welt erscheinen, wie sie erscheinen muß, damit wir das Rachegefühl Shylock's begreifen. Portia, die den Mund so voll nimmt von Liebe, Gnade und Erbarmen, wo es gilt, den Juden zu erweichen — welche boshafte Ironie übt sie nicht mit demselben Honigmunde gegen den betrogenen Juden! Wie verkehrt sich die christliche Mlde, Duldung und Liebe in Schimpf, Hohn und Spott! Wie ist der Rechtsspruch des holden Advocaten ein Rechtsbruch, und wie wenig zeugt er von eurem milden Gemüth! Und der Jude, dieser als Muster der Verschmitztheit geschmähte Jude, wie dumm ist er vor dem christlichen Witz, wie waffenlos gegen die christliche Macht! Wahrlich, wer hier lacht, wer hier lachen kann, der thue es auf seine eigene Verantwortung hin. Wir haben der Darstellung des Shylock von Dawison beigewohnt, ohne das Lachen bei dem Hohn und Spott der Gerichtsscene zu hören. Der Darsteller gab den Shylock so, daß er den Eindruck eines tragischen Charakters machte. Man sah die Gestalt und das Schicksal eines großen, miskanntech Volksstammes über die Bieter gehen; man erkannte, daß die Kunst die Aufgabe hat, das Innere des Menschen und des Zeitbewußtseins herauszukehren, auf daß der einzelne sich erkenne im Guten wie im Bösen. Freilich lassen sich noch heute Stimmen vernehmen, die aus Shylock eine Lustspielfigur machen wollen; man geht so weit, zu verlangen, es sollen alle Stellen, in denen das beleidigte Volksgefühl aus Shylock spricht, gestrichen werden, um ihn sowol in seinem Wucher wie in seiner niedrigen Rachelust

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