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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 241

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 241 (sequence 57)
Language
German
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241 Zur Charakteristik Shylock's. vollen Zeit und einer klaren Erkenntniß zum Charakter geworden. Man .wagt nicht mehr Verstocktheit zu nennen, was in dem Kampf der Jahrhunderte sich als Charakter, als Gesinnung einer großen Genossenschaft darstellte. Bloße Negation vernichtet sich selber. Man weiß es jetzt, daß das Wesen des Judenthums nicht blos darin bestand, eigensinnig zu verneinen, hartnäckig sich abzuschließen, sondern, daß sein innerster Lebensnerv es zwang, keine fremde Einmischung zu dulden. Es hatte einen Gedanken zu erhalten und wußte ihn zu erhalten, trotz fremden Hasses und fremder §ieste * Deshalb kann das Shylock'sche Wort: „Ihr schmäht mein heilig Volk", nicht mehr mit Hohnlachen über ein sich spreizendes, menschenmäkelndes Volk ausgenommen werden; man fühlt vielmehr eine Wahrheit heraus. Man erkennt es jetzt mehr und mehr, daß dies verachtete Volk, dem man (wie oft) „den Auswurf auf den Bart geleert", das „man von der Schwelle gestoßen, wie man den Hund stößt", die Ueberzeugung von einem hohen, heiligen Berufe in sich trug, sodaß seine Feinde es das Volk Gottes nennen mußten. Shylock hat, wie jeder tragische Charakter, eine innere, feste, wir wagen es zu sagen, eine sittliche Ueberzeugung. Das Gefühl der Heiligkeit seines Volks, der Heiligkeit seines Hauses sind wol die menschlichen, die sittlichen Seiten seines innern Lebens. Er ist auf sein „ehrbar Haus" bedacht, und hat ein Recht dazu. Rücken wir den Gestalten näher, in die ihn der Dichter gestellt hat, und betrachten wir sie in Rücksicht und in Beziehung zu Shylock; sehen wir, ob er von seinem Standpunkt aus ein Recht hat, sie zu hassen, sie zu verachten. Was sieht Shylock von der ihn umgebenden Welt, das ihm Achtung vor ihr einflößen soll? Man schmaust, man zecht, man treibt Mummenschanz, man geht auf verliebte Abenteuer aus, ja, man verschmäht, trotz der schönen Redensarten, das leidige Geld so wenig, daß ryan um reiche Erbinnen wirbt und das Geld zur Reise borgt, weil man durch leichtsinniges Leben „seinen Glücksstand erschöpft hat". Hat Shylock nicht ebenfalls von seinem Standpunkt aus ein Recht, sich besser zu dünken als diese ganze leichtfertige Gesellschaft, die ihn mit souveräner Verachtung behandelt? Hat er nicht ein Recht, sein Kind zu warnen vor den „Christennarren mit bemaltem Antlitz"? Hat er nicht ein Recht, „seines Hauses Ohren" schließen zu lassen, damit der unheilige Klang „der quergehalsten Pfeife" nicht in sein ehrbar Haus dringe? Hat er nicht Recht, freilich ein subjektives Recht, diese ganze leichtsinnige, lustige Welt zu verachten, die das Leben verspielt, vertändelt, vertrinkt? Shylock ist in dieser Beziehung der Repräsentant jener abstrakten Lebensanschauung, die den sinnlichen Lebensgenuß verachtet und deshalb die Poesie dieses Sinnenlebens nicht herausfühlt. Wie berechtigt durfte ihm diese Auffassung scheinen inmitten einer Welt, bei der das sorglose, unberechnete Jndentaghineinleben so weit ging, daß von allen Freunden des Antonio keiner früher an die Schuldverschreibung dachte, als bis es zu spät war. Gewiß, es läßt sich ebenso wol erklären, daß es Shylock unheimlich mit seiner Umgebung war, als es dieser unheimlich mit ihm war. Wol Hütte das komische Element hier eine Berechtigung, da in dem Befangensein in der eigenen Ausfassung und im gegenseitigen Verkennen allerdings höchst drollige und ergötzliche Situationen entstehen können. Welches aber sind die ergötzlichen und drolligen Scenen, die Shakspeare aus den gegebenen Verhältnissen entstehen läßt? Begnügt er sich auch nur mit den Motiven, die Shylock zu der unnatürlichen Forderung veranlaßt haben? Hütte Shylock nur aus Aerger darüber, daß Antonio ihm im Handel hinderlich ist, seine Forderung aufrecht erhalten, dann wäre er eine Lustspielfigur gewesen: der betrogene Betrüger, der geprellte Schurke. Aber welche Momente treten hinzu, um ihn in eine ganz andere Sphäre zu versetzen! Wie unerbittlich ist das Schicksal mit ihm Verfahren, um seine Unerbittlichkeit zu erklären!

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