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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 240

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 240 (sequence 56)
Language
German
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240 Jllustr. Monatsh. für die gef. kenvolles Wesen im Zusammenhang mit ihren Volkscharakteren stehen, so gewiß kann auch Shylock nur aus dem Ganzen seines Volkes verstanden werden. Er ist ein tragischer Charakter, trotzdem und weil er sein Schicksal überlebt; er ist ein tragischer Charakter, trotzdem und weil seine Umgebung seinen Schmerz und sein Rachegefühl nicht versteht. Er muß alles überleben können: den Verlust seines Vermögens, den Verlust seiner Tochter, den Sieg seiner Feinde. Wenn nun das Ende oder vielmehr der vierte Act des Dramas Shylock zu keiner komischen Figur macht, so wollen wir sehen, ob die Gestalt alsl solche es verdient, -daß sie „als gedrillter Werwolf" zum Ergötzen der großen Menge dargestellt wurde. Es ist eine natürliche und zu beherzigende Erscheinung, daß nicht blos Menschen ihre Schicksale haben, sondern auch Kunstwerke. Ein unauflöslicher Zusammenhang besteht zwischen dem Leben und der Kunst; dieser Zusammenhang ist in keiner Kunst so durchsichtig und klar als in der dramatischen. Was Wunder also, daß die allgemeinen Anschauungen auch auf die Auffassung und künstlerische Darstellung Shylock's einwirken! Wenn man auf die geschäftliche Thätigkeit, auf die Liebe zvm erworbenen Besitz geringschätzig herabsah, und auf den Juden als den Repräsentanten dieser gemeinen Thätigkeit und dieser niedrigen Empfindung — was für ein Zerrbild mußte nicht aus Shylock werden, der in der That die Jncarnation des Erwerbs ist! Doch die Zeit ist vorüber, wo man nur die Schatten sieht, die jedes Licht wirst; die Zeit ist vorüber, wo man auf den fleißigen, gewerbthätigen Mann mit Verachtung niederblickte; die Zeit ist vorüber, wo man im vornehmen, melancholischen Nichtsthun die höhere Bestimmung des Menschen fand. So hat es das moderne Zeitbewußtsein einem verständigen Darsteller des Shylock unmöglich gemacht, ihn deshalb als eine Abart, als eine Verzerrung alles Menschlichen vorzuführen, weil er Interessen des Judenthums. den Werth geschäftlicher Thätigkeit, den Werth des erworbenen Besitzes kennt und die Grundsätze jdes müßiggängerischen, melancholischen Kaufmanns verachtet. Wir alle sagen jetzt mit Shyloä: „Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt"; wir alle sagen: „Bin ich zu tadeln, wenn ich nütze, was mein?" Es ist eben natürlich und menschlich, das Erworbene zu schätzen und das irdische Gut auch als ein Gut anzusehen. Die Bibel, auf die sich Shylock beruft, schließt in die Verheißungen, die sie dem Volke Gottes gibt, in der That irdische Glücksgüter ein. Es kennt das jüdische Volk trotz seines abstrakten Gottesbegriffs jenen Spiritualismus nicht, der das Irdische ganz vernichtet. Shylock's Auffassung für irdischen Besitz fällt aber in eine Zeit und unter Menschen, die weder ihn noch seine Auffassung verstehen, und deshalb wird er zu Extremen getrieben, die der Dichter brauchen kann, er mag nun ein Lustspiel oder Trauerspiel schreiben. Denn darauf beruht fast jeder Conflict, daß ein an sich berechtigtes Gefühl durch das Dazwischendrängen der Außenwelt sich in ein unberechtigtes Extrem verliert und dadurch vernichtet. Wenn wir also zugeben müssen, daß in einer Zeit, wie die unserige es nun einmal ist, wo man mit Achtung von dem Handelsgeiste im allgemeinen spricht, wo Nationalökonomen den geschäftlichen Verkehr der Juden im Mittelalter als culturfördernd hinstellen, das Hauptmotiv für Shylock's bizarre Erscheinung sehr verblaßt ist, so dürfen wir die andern Momente seines Charakters sicherlich als solche bezeichnen, die ihn zum tragischen Charakter stempeln. Und auch diese Momente müssen wir aus dem Ganzen zeichnen, aus seiner Volksindividualität, und auch hierbei müssen wir die veränderte Auffassung unserer Zeit sprechen lassen. Das eigenartige, fest sich abschließende Wesen des jüdischen Volks kann und soll nicht geleugnet werden; es kann aber nicht mehr Eigensinn und Widersetzlichkeit gegen bessere, fortgeschrittenere Ueberzeugung genannt werden; es ist für das Bewußtsein einer licht-

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