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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 239

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 239 (sequence 55)
Language
German
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Zur Charakteristik Shhlock's. 239 gödie mit dem Tode des Helden endigt, mit dem Tode, der das Leben erklärt und verklärt. So finden wir in deni Ende eines Hamlet, Egmont, Wallenstein eine Beruhigung, weil eine Lehre. Es ist die Loslösung und Verklärung des ringenden Menschengeistes von der ihn umgebenden Welt. Aber das Leben der Völker und der einzelnen ist zu reich, als daß man es in eine Kategorie bannen könnte, und es wird die im Gedanken richtigste Schlußfolgerung noch immer auf Erscheinungen stoßen, die sich in den Kreis derAbstractionnicht bannen lassen. Denn wie sollen wir das ungelöste Schicksal eines Volks nennen, welches inmitten aller andern Völker einhergeht, nicht lebend, wenn man den gewöhnlichen Maßstab des Lebens eines Volkes vor Augen hat, und nicht todt, da es Zeichen reichen innern Lebens fortwährend gibt, das alle Momente des Tragischen in sich schließt, ohne es noch zu dem reinen Abschluß gebracht zu haben, der von je der emeinen Wirklichkeit der Dinge anaftet? Wie sollen wir das Schauspiel nennen, in welchem uns Shakspeare eine Gestalt aus jenem Volke vorführt, die ebenfalls die bedeutendsten tragischen Momente in sich schließt und es doch nicht zu dem reinen, versöhnenden Abschluß bringt, der das Ende alles Menschlichen bedeutet? Oder sind etwa die tragischen Momente in Shylock nicht vorhanden; sind sie derartig, daß sie in jene andere Sphäre hinübergeleitet werden können, wo die Widersprüche in anderer Weise gelöst erscheinen, wo das Gebiet des Lustspiels beginnt, jenes Gebiet, das seine Berechtigung in dem Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen hat? — Wol nennt man den Kaufmann von Venedig ein Lustspiel; und es hat freilich Momente genug, die diese Stellung ihm anweisen. Ragte nicht aus der ' Hellen, lustigen Welt dieses Schauspiels die finstere Gestalt Shylock's hervor, und überragte sie nicht diese ganze leichtgemuthete, heitere Welt des Scherzes und Witzes: wahrlich der „Kaufmann von Venedig" wäre ein Lustspiel gewesen wie „Liebesleid und Lust", „Die Irrungen" u. a. m. Aber die Gestalt des Juden überragt so sehr die andern Figuren des Stückes, daß sie zur Hauptfigur wird, und es entsteht folgerichtig die Frage, wie paßt diese Gestalt mit dem reichen Attribut tragischer Momente in den Rahmen eines Lustspiels? Shakspeare, der mit dem gigantischen Schicksal so vertraut war, der Tod und Wahnsinn überreich vertheilte und nicht kargte mit dem Gewaltigen aus Furcht vor einem nervenschwachen Zeitalter — er versetzt Shylock in die lachende, leichtsinnige Luft eines Lustspiels! Warum hüllt er das so dunkle Bild eines von der Leidenschaft der Rache, von dem gewaltigen Schmerze über das an seinem Volke verübte Unrecht, von dem Jammer über den Verlust eines einzigen Kindes aufgewühlten Menschenherzes in rosige Wölkchen, statt in Trauerflor? Und dennoch ist in diesen scheinbarm Widersprüchen der Geniris des Dichters thätiger gewesen, als uns bedrucken möchte. Wir nannten früher das Volk, aus dem Shakspeare die Gestalt Shylock's genommen, das einzige Volk, das feinen Untergang überlebt hat, das einzige Volk, das nicht im Tode die Versöhnring des Unglücks gefunden, das Volk, dessen Existenz seine ihm eigenthümliche Tragik bildet. Daß das jüdische Volk leben mußte inmitten einer Welt, die liebte, lachte und scherzte, als das einzige, das nicht liebte, nicht lachte, nicht scherzte; daß die übrige Welt zur Tagesordnung über es hinweggehen zu können vermeinte: das ist seine, nur ihm eigenthümliche Tragik. Daß die Umgebung diese Tragik nicht begriff, daß sie Hohn und Spott statt Mitleid und Theilnahme dafür hatte, vermehrt die Tragik dieses Schicksals. Und so ist Shylock ganz naturgemäß der Held eines Dramas geworden, das man ein Lustspiel nennt, das aber in Wahrheit ein Trauerspiel ganz eigener Gattung ist. Shakspeare stieg, wie jeder echte Dichter, hinunter bis zum Urgründe des Schaffens und holte sich von dort seine Gestalten. So gewiß Othello's Eifersucht, Juliens Liebe, Hamlet's gedan-

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